Claudia Mullen, Teil 3


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Interview mit Wayne Morris, Fortsetzung

[WM]: Können Sie sagen, wie oft Sie als Köder eingesetzt wurden, oder um Zwang auszuüben?

[CM]: Nun, das waren einige Jahre, da wurde ich oft benutzt. Als ich 13, 14 war – wohl ein paar Mal jeden Monat. Manchmal brauchten sie mich für zwei, drei Wochen am Stück. Jeden Tag … oder sie brachten mich irgendwo hin, außerhalb der Stadt. Da gab es diese kleinen Flugzeuge, wir flogen zu Militärbasen oder auch zu einzelnen Häusern. Ich war oft in Texas, auch in Maryland. 1963/74 war viel los, und später, vor Ende der Highschool, 1966/67 brqauchten sie mich viel. Und 1972, bevor ich den College-Abschluss machte, nahmen sie mich mehrmals für mehrere Wochen am Stück. Ziemlich viel … sowieso jeden August. Jeden August und jeden Mai kamen viele Leute zu irgend einer Versammlung nach New Orleans. Da waren viele Ärzte in der Stadt und … ich wusste, da musste ich eben zu einem bestimmten Ort gehen. Zwischendrin wusste ich allerdings nicht, wo das war, ich vergaß das immer, sie haben dafür gesorgt, dass ich das vergaß , bevor sie mich gehen ließen. Sie mussten das tun, sie konnten mich schlecht nach Hause schicken, wissend, dass ich gerade mit Senator Long oder so jemandem … sie mussten dafür sorgen, dass ich Amnesie hatte, sie haben Amnesie-Schranken eingebaut zwischen den Einsätzen.

[WM]: Wie haben sie das gemacht?

[CM]: Ach so. Schockbehandlung.

[WM]: Elektrizität?

[CM]: Elektrizität, ja. Das bedingt Amnesie für kurz zurück liegende Ereignisse. Also musste ich wieder nach Tulane, mich in diesen Stuhl setzen, wie ein Zahnarztstuhl. Dann haben sie ausgerechnet, wie viel Elektrizität es brauchen würde für eine Amnesie oder um etwas für immer auszulöschen. Da gab es einen Mann aus Kanada mit einem lustigen Akzent. Er sagte immer »Lassie« zu mir – ich dachte, er meint den Hund aus der Fernsehserie –, warum nennt er mich nach dem Hund? [»Lassie« ist schottisch für »Schatzi«]. Er rechnete immer aus, wie viel Elektrizität es brauchte, er war hier der Experte.

[WM]: Erinnern sie sich an seinen Namen?

[CM]: Für mich hieß er der »Kameramann«, sein Name klang so ähnlich. Er war ein guter Freund von »Dull« (blöd, stumpf), Dulles. Irgendwas war da, er und ein anderer Mann haben wohl den Sohn von »Dull« irgendwie mal gerettet. Da war noch ein Institut mit im Spiel, und andere Leute, die ich nie gesehen habe. Aber der eine hieß wohl Dulles.

[WM]: John Foster Dulles … vielleicht

[CM]: Es gab so viele Leute … ich kannte deren richtige Namen nicht … aber nach all den Nachforschungen muss es wohl John Foster Dulles gewesen sein. Ich fragte, »wer ist das«, ich wollte von Politik nie etwas wissen, bleib immer weg von den TV-Nachrichten. Die Namen bedeuteten mir daher alle nichts, jedenfalls solange bis mir erzählt wurde, wer das eigentlich war.

[WM]: Den Namen der Person, die Sie »Kameramann« nannten, haben Sie den behalten?

[CM]: Von meiner Beschreibung her und mit seinem Akzent muss es wohl Dr. Ewen Cameron aus Kanada gewesen sein

[WM]: Womit hat sich Dr. Cameron speziell beschäftigt?

[CM]: Elektrizität.

[WM]: Nur Elektrizität?

[CM]: Was mich betrifft, ja. Sie brachten ihn nach Tulane, New Orleans, um mir Elektroschocks zu geben, um auszurechnen, wie viel ich exakt brauche, und wie oft, damit ich vergesse, aber nur bis zum nächsten Mal. Er gab mir zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Dosierungen. Das erste Mal als ich ihn traf, muss ich wohl drei, vier Tage dort geblieben sein. Ich war wohl gerade zehn, elf Jahre alt. Er hat auch noch etwas anderes gemacht: Er hat Botschaften auf Band gesprochen, und nachts, im Schlaf, musstest du dir die anhören. Irgend etwas hatte das mit seiner Stimme auf sich, er hatte eine interessante Stimme, du wolltest einfach zuhören. Er hat Dinge immer und immer wieder wiederholt.

[WM]: Seine Stimme war also auf diesen Bändern?

[CM]: Ja. Sie hatten noch andere Bänder mit anderen Stimmen, aber während der Elektroschock-Sache gaben sie mir das »sleepy-talk-tape« (in-den-Schlaf-reden). Stecken dich in ein dunkles Zimmer, ziehen dir den Kopfhörer auf, dann haben sie etwas an deine Zehen angeschlossen, manchmal an die Finger … wie Wäscheklammern … und du bist eingeschlafen, während du dieses Band angehört hast, es ist immer weiter gelaufen, mit diesen Botschaften, … wenn du eingeschlafen bist, hat dich etwas gleich wieder geweckt … diese Dinger an deinen Zehen und Händen … denke, das waren kleine Stromstöße, um dich aufzuwecken. So hat man dich vom Schlafen abgehalten. Du konntest die ganze Nacht nicht schlafen. Du musstest die ganze Zeit zuhören.

[WM]: Wie lange ging das so?

[CM]: Drei, vier Tage, drei, vier Nächte.

[WM]: Dauernd? Sie durften überhaupt nicht schlafen während dieser drei oder vier Tage?

[CM]: Nein.

[WM]: Wissen Sie noch, was für Botschaften das waren?

[CM]: Das hat immer angefangen mit: »Chrystal, deine Mutter hat dich verlassen. Sie wollte dich nicht.« Dass ich schlecht, böse war, dass ich perverse Sachen gemacht habe, solches Zeug. [...] … und dass nur die Ärzte mir helfen können. Die Ärzte wären meine Freunde. Ich muss auf sie hören, und nur auf sie. Keine Namen, nur »die Ärzte, die guten Ärzte«. Mein ganzes Leben lang – wenn irgendwas nicht gepasst hat, bin ich immer zu einem Arzt gegangen, das haben sie mir so eingeimpft, dass die Ärzte die Antwort für alles sind. Und, glauben Sie mir, irgendwas hat immer nicht ganz gestimmt. Raus aus der Klinik, rein in die Klinik. Ich hatte alle möglichen Krankheiten, die nie spezifisch diagnostiziert werden konnten. Kopfweh, Migräne-Schmerzen, mein ganze Leben lang – das war von den Schocks. Diese Kopfschmerzen waren extrem. Nach diesen Schock-Behandlungen wachtest du auf, dein Kopf fühlte sich an, als würde er gleich explodieren. Dann setzte man dich auf Schmerzmittel, du wurdest süchtig, brauchtest immer mehr davon. Ich wurde, wie ich später herausfand, völlig unsinnig behandelt, nur um zu erfahren, was mit mir nicht stimmte. Ich ging zu anderen Ärzten – es gab Episoden, da übergab ich mich ständig, konnte kein Essen bei mir behalten, nahm ab. Ich hatte umfangreiche diagnostische Untersuchungen, aber niemand fand irgend etwas bei mir.

[WM]: Wo hat man Sie behandelt?

[CM]: Sie haben Magenspiegelungen gemacht. Sie haben Gallenblase und Blinddarm entfernt, aber da fehlte nichts, ich übergab mich weiter. In Wirklichkeit war das körperlicher Schmerz, von körperlichen Erinnerungen, die zurück kamen, bevor die kompletten Erinnerungen wieder kamen, vor den Flashbacks, kommen zuerst die Körper-Erinnerungen. Das ist das erste Anzeichen, dass Erinnerungen zurück kommen. Meist zuerst Kopfweh, dann Magenschmerzen, Krämpfe – eben der Schmerz ohne die damit verbundenen Inhalte. Der Schmerz kommt immer zuerst. Der Schmerz ist die Schranke zur Erinnerung. Nun, mit all diesen Schmerzen, ich wollte die loswerden, ich rief dann Dr. Charles Brown an, diesen »Freund«, ich habe von ihm erzählt, der eigentlich mein »Monitor« war, ein Freund von Darlen Fenner, Robert Heath, Martin Orne. Ich bin zu ihm hin gegangen, habe gesagt, ich habe wieder furchtbare Kopfschmerzen, Krämpfe, die nicht weggehen. Natürlich war das für ihn ein Zeichen, dass Erinnerungen zurück kamen, so brachte er mich zu Dr. Heath, der mich festband und mir noch weitere Elektroschocks verabreichte, damit ich heim gehen konnte und vergessen.

[WM]: Er gab Ihnen Elektroschocks …

[CM]: Ja. Und auch die Schmerzmittel gegen die Kopfschmerzen danach. Aber mit den Erinnerungen, die wieder kamen, gingen die körperlichen Schmerzen dann erstmal weg. Dann kamen Alpträume von Schlangen oder verrückten Dingen, und ich ging wieder zu Dr. Brown, sagte, ich habe diese Alpträume, er dachte, aha, sie fängt an, sich zu erinnern, wir müssen etwas tun. Meist waren das Schocks, manchmal Trauma, sie haben dich traumatisiert, so sehr, dass du einfach vergessen hast.

[WM]: Wie haben sie das gemacht?

[CM]: Kommt darauf an, was gerade geboten war. Manchmal schickten sie mich zu … sie kannten Leute in der Stadt von diesen »white supremacy«-Gruppen (»Überlegenheit der weißen Rasse«) … manchmal schickten sie mich zu Ku-Klux-Klan-Treffen, nachts, und ich musste zuschauen, was sie anderen Leuten antaten, und dann … taten sie mir das an … Vergewaltigung, sie haben auch Menschen gegessen, und so … du warst dann genügend traumatisiert, um alles zu vergessen, an was du dich gerade anfingst zu erinnern. So ging das dann weg. Und diese Ereignisse hast du dann gleich mit vergessen. Weil niemand mag sich an solche Dinge erinnern. Eine Art Schutzfunktion des Gehirns, nehme ich an, wenn etwas wirklich grauenhaftes passiert, vergisst man das normalerweise gleich wieder, jedenfalls wenn es schlimm genug ist. Und natürlich hatte ich meine Persönlichkeiten … die kamen heraus für das Trauma und gingen dann wieder zurück … also konnte sich Claudia an nichts entsinnen, was da gerade passiert war. Bevor sie mir die Erinnerung überbrachten, war es so, als wäre mir das nie passiert. Ich war wund, verletzt, hatte Prellungen und so weiter, aber ich wusste nicht woher. Dann ging ich zu Dr. Brown oder Dr. Heath, und die erklärten mir dann, wo das her kam. Meistens erzählten sie mir Geschichte, ich hätte versucht, mir mal wieder etwas anzutun, mich umzubringen. Ich habe wirklich geglaubt, mein Leben lang, suizidal zu sein, weil sie mir das erzählt haben.

[WM]: Meinen Sie, die Ärzte haben bewusst Dissoziazionen bei Ihnen erzeugt?

[CM]: Sie wussten von Anfang an, dass ich dissoziieren konnte, also haben sie das gefördert, denn je mehr man sich unterteilt, um so einfacher ist es, zu verstecken, was sie taten. In anderen Worten: Man kann sich nur selbst zerteilen … sie können das nicht hervorrufen, können keine Dissoziazion erzwingen, aber sie können Umstände schaffen, dass du dissoziieren wirst, wenn du überhaupt dissoziieren kannst. Wie das beschriebene Trauma, oder als sie mich zu einem Logenhaus geschickt haben, zu einer Party … sie wussten, dass mir dort etwas Schlimmes geschehen wird, wussten, ich würde mich teilen. Dann würde jemand erschaffen werden, der das auf sich nimmt, was auch immer in dieser Nacht geschieht. Dieser Schatten geht dann zurück, schläft. Ich habe von diesen Schatten gesprochen, von denen, die ich integriert habe. Wenn sie mir die Erinnerung an diese Erfahrung einmal abgegeben haben, dann integrieren sei. Aber die Ärzte schufen immer neue Umstände, damit ich mich teile, nochmal teile, teile, teile – je mehr man sich unterteilt, um so weniger Chancen auf Heilung gibt es. Je verrückter man sich anhört, sollte man jemals mit einem Psychiater oder Therapeuten arbeiten, … das konnte ja immer passieren … ich könnte von den »Guten Ärzten« weg gehen und woanders Hilfe suchen. Also versuchen sie, dass du einen möglichst verrückten Eindruck machst. Je mehr Identitäten du hast, um so fremdartiger wirst du auf andere Leute wirken. Das Trauma musste möglichst bizarr sein … Mr. Fenners Camp über dem See … all diese Zeremonien. Meist war es nicht echt. Sie taten so, als schlitzten sie Menschen auf oder als aßen sie Babies. Ich glaubte damals, das wäre real. Erzählen Sie einfach mal jemandem, da wären Babies aufgeschnitten und gegessen worden, man wird sie für geisteskrank halten. Man hat uns also satanische Rituale vorgespielt, so echt, dass ich es geglaubt habe, und wenn ich das jemals jemandem erzählt hätte, wäre ich sofort komplett unglaubwürdig gewesen.

[WM]: War das alles so zu sagen auf Rezept dieser Ärzte …

[CM]: Ja, richtig. Wie es aussieht, um, würde ich mich jemals erinnern, das zu steuern. Zuerst käme das inzestiöse Zeug zuhause, dann nach und nach diese Ritual-Geschichten. Rituale wie das satanische Zeug am See … Rituale … wie bei den »white supremacy groups« … deren Rituale … Kreuze verbrennen. Ich habe wirklich gesehen, wie sie Menschen umgebracht haben, schwarze Menschen. In den frühen Sechzigern. Ich ging zu ein paar Freimaurerparties bei der Loge neben dem Forschungsgebäude … dem Gebäude für Tierversuche in New Orleans, das gibt es immer noch, tatsächlich. Ich war nochmal dort. Man hat mich manchmal dort hin geschickt, für bestimmte Tests, für Experimente … da war eine Freimaurerloge gleich um die Ecke … und man hat mich zu denen geschickt für ein paar Parties. Diese Leute flippen aus auf den Parties. Diese Männer betrinken sich … reichen dich herum … es ist furchtbar, was sie machen. Dadurch bekommt das den Anschein als … wenn ich mich erinnere … nun, ich war bei der Party, diese Männer taten mir weh. Es waren keine der Ärzte beteiligt, niemand von der Tulane-Universität, niemand von Maryland. Ich würde mich nur an diese Loge erinnern, und so verwischen sie ihre Spuren.

[WM]: War das sexueller Missbrauch auf diesen Parties, oder waren da noch andere Formen?

[CM]: Sie wollen, dass du sexuelle Handlungen machst, auch dass du bei denen anderer Leute zusiehst. Sie wollen alles haben, was du dir vorstellen kannst, sie bringen auch Tiere mit … und du musstest zusehen. Das ist fast so schlimm, wie wenn es dir selbst angetan wird … manchmal ist Zuschauen genauso schlimm …

[WM]: Zuschauen, wenn es anderen Kindern angetan wird, oder …

[CM]: Ja, speziell, wenn sie jünger sind als du. Du bist selbst ein Kind und musst zusehen, wie ein kleines Kind, halb so alt wie du, gefoltert wird oder vergewaltigt. Das ist so schlimm als würde es dir selbst widerfahren. Manchmal wäre es dir sogar lieber … du weißt ja, wie das ist, und du willst das nicht mit ansehen. Wenn sie dich wählen lassen … dann würdest du ihren Platz einnehmen, dann würdest du entscheiden, ob du oder sie, und wenn du nicht entscheiden willst, dann lebst du mit der Schuld, dass es deswegen jemand anderem widerfahren ist. Egal wie rum du es betrachtest … du bist einfach »dran«. Es gibt keinen Ausweg aus solchen Situationen.

[WM]: Als Sie sich an diese Loge erinnerten, haben Sie versucht, nachzuprüfen, wo die war?

[CM]: Ja, wir sind dort hin gefahren, zu der Loge, haben mit Leuten geredet. Es ist jetzt kein Logenhaus mehr, sondern eine öffentliche Gesundheitsstation. Leute sagten, ja, das war einmal eine Freimaurerloge. Valerie und ich, wir waren dort. Und in Camp Nichols, das jetzt ein Polizei-Übungsgelände ist. Man bestätigte, dass das einmal ein Arsenal war. Wir gingen in den Raum, den ich von damals kannte. Dort sind seltsame Dinge passiert … ich war wohl etwa acht Jahre alt … sie steckten mich zu zwei anderen Kindern … ein Junge und ein Mädchen, etwa fünf Jahre alt. Und sie haben angefangen zu … wohl um dich zu traumatisieren … sie haben Dinge getan … Sexuelles, oder dich physisch verletzt, haben dich geschlagen und so, und dann haben sie gesagt: »nun, du musst jetzt jemanden auswählen, wer von beiden soll leben, wer soll sterben? Der Junge oder das Mädchen?«. Hier solltest du also entscheiden. Unmögliche Situationen. Dann taten sie so als ob sie eines der Kinder herausnehmen, um es zu töten, sie haben es nicht getan, ich bin sicher, es war Theater … es waren die Psycho-Spielchen, die sie mit dir getrieben haben … um dich zu verwirren … ich wusste nicht, was sie taten, nein, es ging um das Trauma, ich weiß das. Aber damals wusste ich nicht mehr, wo vorne und hinten waren. So bizarr, wen ich mich daran erinnert hätte ohne die gute Therapeutin, die mir hilft, die mir bestätigen konnte, dass solche Dinge wirklich passiert sind … jeder Andere hätte dich für komplett verrückt gehalten, hätte dich eingesperrt und den Schlüssel weggeworfen.

[WM]: Das war wohl ihre Absicht …

[CM]: Es gab eine Menge Ansagen über die Jahre, nämlich wenn du anfangen würdest, dich zu erinnern, dann würden die Schuldgefühle so schlimm werden, dass du dich umbringen müsstest, und das haben sie bestimmt die ganze Zeit gehofft, dass ich mich umbringe, aber ich habe das nicht getan [lacht] … schätze, die sind ganz schön sauer auf mich deswegen.

[WM]: Meinen Sie, dieses Trauma wurde benutzt, um Dissoziation für andere Zwecke zu schaffen als nur die Fakten um die Experimente zu verdecken?

[CM]: Es war wohl auch um zu sehen, was alles in ihrer Macht stand … sie konnten einem Kind das Ego wegnehmen … aber was konnten sie noch tun? Wie oft würde es sich teilen? Was könnte man Menschen antun, wie schnell wäre es vergessen? Es ging darum, was in ihrer Macht stand … die Grenzen ausloten, denke ich.

[WM]: Vielleicht war das ein Teil der eigentlichen Experimente …

[CM]: Klar. Es gab viele verschiedene Projekte. Es war nicht nur das Sex-Zeug – es gab viele Experimente, die sich nur mit der Steuerung des Bewusstseins (mind control) beschäftigten. Die Namen der Projekte waren so … man konnte daraus nicht ersehen, um was es dabei ging … »Sensitive Research« – (SR) das war ein Teil der operativen Seite der CIA – eine der Abteilungen – ja, das war Sex-Zeug. SR, das konnte doch alles heißen. Und Onkel Richard war Chef von SR, nannte sie »Abteilung für schmutzige Tricks«. Onkel Richard, ich hatte viele Erinnerungen an ihn, konnte ihn gut beschreiben, konnte von Experten identifiziert werden als Richard Helms.

[WM]: Der wurde später CIA-Direktor …

[CM]: Als ich ihn kennen lernte, war er Stellvertreter (Deputy Director) … deswegen mein Spitzname »Deputy«. Ich war ziemlich beeindruckt, ich liebte Cowboys, Cowboy-Filme und so, als er mir erzählte, er sei »Deputy«, dachte ich, das wäre das gleiche wie im den Western. Er hat mich nie belästigt oder mir sonst etwas getan, bis ich Dreizehn war, dann fing er ganz plötzlich an … zuerst »sag Onkel Richard zu mir«. Vorher war er eher abweisend gewesen, hat mich nicht beachtet. Das hat mich wirklich beeindruckt, für mich hatte er so viel Macht, jeder hörte zu, was er sagte, er war immer sehr teuer angezogen, sah immer sehr gut aus, man bediente ihn von vorne bis hinten. Er war ein beeindruckender Mann, ich war geradezu ehrfürchtig. Plötzlich, als ich Dreizehn wurde, nahm er Notiz von mir, das hat mich sehr beeindruckt. Ich dachte, ich müsse etwas ganz Besonderes sein … er will, dass ich Onkel Richard sage … wie sich herausstellte, mochte er keine Kinder, aber er stand auf Teenager-Mädchen. Er nahm mich mit an Orte, wo es keine Kameras gab, er kannte alle Kameras, wusste wo gefilmt wurde.

[WM]: Könnten wir mal die Leute durchgehen, die Sie in Ihrer Aussage genannt haben, und wenn möglich der Reihe nach abhandeln, an welcher Art von Experimenten sie beteiligt waren? Wir fangen vielleicht mit Sidney Gottlieb an …

[CM]: Ok. Sidney Gottlieb ist einer der ersten Leute, an die ich mich erinnere, ich war Acht, er war von Anfang an da. Ich wusste, er arbeitete für "The Agency" (die Agentur). Sie machten kein Geheimnis daraus, dass damit die CIA gemeint war. Manchmal konnte ich es mit hören, oder sie haben es mir gesagt, zu welcher Abteilung sie gehörten – er war bei der für Wissenschaft und Technologie, er hat es selbst gesagt. Er arbeitete sehr eng zusammen mit Martin Orne, einem gewissen Dr. Steven Aldridge und Morse Allen. Offensichtlich haben er und Allen zusammen gearbeitet, seit das ganze Ding anfing – seit den späten Vierzigern oder frühen Fünfzigern – sie alle waren auch gut mit Richard Helms befreundet, das war irgendwie seltsam, denn sie schienen alle komplett gegensätzliche Menschen zu sein, die niemals miteinander auskommen können, und doch waren sie gute Freunde. Gottlieb hatte viel mit Strahlen zu tun – in jedem Forschungsbereich. Ich erinnere mich an ihn als ich klein war bis hin zu meiner Higschool-Zeit, später habe ich ihn kaum gesehen, auch kaum von ihm gehört. Keine Ahnung, wo er hin ging, was er machte. Er war wohl mit irgend etwas anderem beschäftigt.

[WM]: Wie lange hatten Sie mit ihm zu tun, und was ist Ihnen da passiert?

[CM]: Acht bis sechzehn – etwa acht Jahre lang. Er erzählte mir, er hätte Ziegen zuhause. Manchmal redeten sie über sich. Erstaunlich. Gerade die Leute, die … sie schienen sich so sicher zu sein, dass ich mich an nichts erinnere, wenn ich weg gehe, egal wo hin. Deshalb konnten sie reden was sie wollten, manchmal haben sie über sich selbst angegeben. Das weiß ich noch ganz genau, denn sie waren in erster Linie arrogant. Die meisten waren wirklich arrogante Typen, sie wollten, dass du weißt, wie wichtig sie sind, wieviele Kinder sie haben, wie mächtig sie sind – also sagten sie, welches ihr Dienstgrad war oder sonst was, das dich beeindrucken sollte. Denken dabei die ganze Zeit »sie wird sich sowieso nicht daran erinnern«, oder denken, sie sprechen mit einem Kind, das die Worte eh nicht versteht. Nun, sie wussten nicht, dass ich mich einige Jahre später an genau diese Wörter erinnere und deren Bedeutung sehr wohl verstehe.

[WM]: Sie haben erwähnt, dass Dr. Ewen Cameron hauptsächlich mit den Elektroschocks zu tun hatte. Können Sie sagen, über wie lange er an den Experimenten an Ihnen beteiligt war?

[CM]: Viele dieser Leute wurden als »Berater« hinzugezogen. Dr. Heath oder Dr. Green sagten dann, »Ok, lasst uns Cameron herbestellen, um sie zu testen«. Dann wusste ich, wenn man mich das nächste mal nach Tulane holt, ist der »Kameramann« da, Cameron. Er kam 1960 dazu, ich war Neun oder Zehn. Anfangs war er viel dort, um zu testen, bei wie viel Elektrizität die Grenze wäre, sie wollten mir mein Gehirn nicht ganz braten, denn sie brauchten mich ja intelligent genug für den Umgang mit Menschen. Ich musste in die Schule gehen, also mussten sie aufpassen, dass sie mich nicht entstellten. Das war insofern ein Glück für mich, ich war in der privaten Mädchenschule, war von einer wohlhabenden Familie, sie mussten mich zwischendrin nach Hause schicken. Meine Familie war ja per se nicht daran beteiligt. Meine Mama wusste, dass sie mich für ihre Zwecke verwendeten, aber sie wusste nicht genau wofür – also mussten sie mich in einem halbwegs gutem Zustand heim schicken. Also habe ich noch Glück gehabt. Die Kinder von obdachlosen oder armen Familien – denen war es egal, in welchem Zustand die Kinder zurück kamen, oder ob sie überhaupt zurück kamen. An denen konnte man Dinge ausprobieren, die sie entstellten, das war egal. Ja, da hatte ich Glück. Noch was, Dr. Heath wollte irgend etwas in mein Gehirn implantieren, aber Dr. Fenner ließ das nicht zu. Er sagte, »Wie soll ich das der Mutter erklären? Wir können sie nicht mit rasiertem Kopf nach Hause schicken«, also ist mir das mit den Implantaten im Gehirn erspart geblieben. Aber Sie haben nach Cameron gefragt. Ich kannte ihn seit 1959 oder 1960, und eines Tages, ich war auf der Highschool, sagte man mir aus heiterem Himmel, »Er ist einen Berg runter gefallen« – dann kam jemand namens Cleghorn, um mich zu den Elektroschocks abzuholen. Später erfuhr ich, dass er beim Bergsteigen oder Schifahren abgestürzt ist, das hat also gestimmt.

[WM]: Dieser Cleghorn, wissen Sie, wer das war?

[CM]: Er arbeitete sehr eng zusammen mit Cameron. Er liebte die Elektrizität, für ihn hat Cameron nicht hoch genug dosiert. Er gab weitaus mehr. Und er machte sich nicht die Mühe, sich mit dir abzugeben oder in irgend einer Weise freundlich zu sein. Er war sehr kalt. Cameron dagegen redete schon mal oder versuchte, freundlich zu sein. Einige von denen waren so: Stellten sich vor, fragten dich etwas. Andere taten, was sie zu tun hatten, verschwanden wieder und sagten niemals ein Wort.

[WM]: Und wie viele Jahre hatten Sie mit Dr. Cameron zu tun, von 1959/60 bis wann …

[CM]: Ich denke, bis ich 16 war oder 16 1/2, also 1966 oder 1967. Man sagte mir, er sei von einem Berg gestürzt. Ich weiß, ich war auf der Highschool, in der Oberstufe. 1966 oder 1967 also. Von was ich vorhin sprach – die Botschaften – das, was er auf Bänder aufgenommen hat, was man mir nachts vorspielte: Das nanntn sie »psychic driving (etwa: psychische Lenkung). So hießen diese Botschaften.

[WM]: Und Martin Orne? Was war sein Spezialgebiet?

[CM]: Oh boy. Das war einer, vor dem man am meisten Angst hatte. Er arbeitete mit Dr. Brown zusammen, meinem Monitor, am NIH in den 50ern, sie waren gute Freunde. Er sagte, er sei ein Experte für Lügendetektoren, er merkte immer, wenn jemand log, er hatte so einen Lügendetektor entwickelt. … ein sehr arroganter Mensch, der sehr viel auf sich selbst hält, er hat mir sicher einen Haufen Lügen darüber erzählt, was er alles kann oder nicht kann … davon gehe ich aus. Er merkte es, wenn man log. Er hasste alle, kam mit niemandem aus. Er nannte mich »kleines Flittchen« – das war sein Spitzname für mich. Er hat mich nie beim Namen genannt. Er hat meistens mit Hypnose und so Zeug gearbeitet, und bei Schockbehandlungen war er immer anwesend, und sei es nur, um zuzusehen … wenn er mir Fragen stellte, war er derjenige, der den anderen sagte, ob ich log oder nicht. Er hat mich an ein paar Maschinen angeschlossen, mit Elektroden an meinem Kopf, er sagte, er könne an den Maschinen ablesen, ob ich log oder nicht. Das war wohl ein Lügendetektor, genau weiß ich das nicht. Jedenfalls lebt er noch. [...] Er wohnt in Philadelphia. Ich habe ihn angerufen, unter anderem, weil ich mich an ihn erinnerte, bevor ich meine ganzen Erinnerungen zurück hatte. Ich erinnerte mich an Robert Heath, natürlich an Dr. Brown, und an diesen Martin Orne.

[WM]: Und wann war das, wann riefen Sie ihn an?

[CM]: Das war … nach … dieser Vergewaltigung im Pktober 1992. Im Frühjahr danach. Ich bekam diese schrecklichen Alpträume und Flashbacks. Da fiel mir Martin Orne ein.

[WM]: Er war für Sie einer der »guten« Ärzte?

[CM]: Richtig. Ich hatte seine Privatnummer. Ich rief ihn an, er fragte, ob ich schon mit Dr. Heath gesprochen hätte Ich sagte »ja«, doch ich sollte zu ihm kommen für weitere Elektroschocktherapien: »Sie wissen, was Sie zu tun haben«. Ich fragte, »warum haben Sie mir all das angetan? Sie waren so gemein«. Er meinte, er hätte nie etwas getan, um mich zu verletzen, er sei immer nur mein Berater gewesen. Er hat das geschworen bei allem. Dann hörte ich … nachdem wir von Washington zurück waren, wegen der Aussage … er hatte einen Schlaganfall. Er ist wohl immer noch gelähmt davon.

[WM]: Und Dr. Robert Heath? Mit was hatte der speziell zu tun?

[CM]: Er ist Neuropsychiater und Fakultäts-Chef an der Universität Tulane. Seine Fakultät hat das Geld gegeben, den Etat. Ihm wurde auch ein ganzer Flügel der »medical school« zur Verfügung gestellt (für die Experimente) von Mr. Fenner, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Tulane Medical School. Da waren sehr viele Kinder, das weiß ich noch. Uns war untersagt, untereinander zu sprechen. Wir durften uns nicht einmal sehen, aber manchmal habe ich sie gehört. Wir waren in diesem Gebäudeflügel, wo es keine Krankenschwestern gab. Es gab Bedienstete und Ärzte, aber es war eben keine normale Klink mit Schwestern, die nach dir sahen. Du hattest Monitore in deinem Zimmer, und man beobachtete dich. Ziemlich sicher waren da auch Kameras. Und Dr. Heath war der Chef dort, es war bekannt, dass er vieles mit Gehirnen machte … mit den Gehirnen von Menschen experimentierte. Er war es auch, der mir ein Implantat einsetzen wollte, um, wie er sagte, »mir Botschaften direkt telegrafieren zu können«, wenn ich diese Köder-Sachen mit Männern machte, er könne damit bestimmte Regionen meines Gehirns stimulieren oder sowas … wie mit einer Art … Fernsteuerung … er hat es nicht so genannt … er sagte, er könne damit über Entfernungen hinweg auf mein Gehirn zugreifen, aber dazu müsste er mir eine Box in den Kopf implantieren.

[WM]: Was meinen Sie, war er der Arzt, der bestimmte, was mit Ihnen geschah?

[CM]: Ja. Er wurde als »mein« Arzt angesehen, protokollarisch quasi. Es gab eine Akte über mich, für Dokumentationen, in Tulane unter dem Namen Crystal Stone, und er war Crystal Stones Arzt. Natürlich hat er meine Akten verschwinden lassen. Als ich ihn das erste mal anrief, ihn fragte, »Was haben Sie mir angetan? Ich habe da diese Erinnerungen, und damals hielt ich Sie für meinen Arzt«. Meine Mutter hatte mich nach Tulane gebracht, weil Mr. Fenner ihr das geraten hatte, man könne mir in Tulane helfen wegen der Verhaltensprobleme, ich war wirklich ein kleines Kind damals. Das war vor Deep Creek Lodge und so, ich war noch keine acht Jahre alt. Sie sagte, ich sei verhaltensgestört, weinte dauernd … machte das Bett nass und so Sachen. Mr. Fenner schlug also vor, mich nach Tulane zu bringen zu Dr. Heath. So kam ich zu dem. Sie hat unterschrieben, dass er alles tun dürfe, um mir zu helfen, damit hatte er freie Hand, alles mit mir zu machen, mit Erlaubnis meiner Mutter. Er konnte einfach anrufen und sagen, nun, Claudia muss zu einer Behandlung kommen … bringen Sie sie her … oder … oder lassen Sie sie her bringen. Sie hat mich einfach vor der riesengroßen Klinik aussteigen lassen. Ich musste hinein gehen, den Aufzug nach oben nehmen, dann kam eine Frau und brachte mich in dieses Zimmer. Ich war dort mehrere Tage lang, manchmal wochenlang, und das Nächste, was ich noch weiß, war, dass ich eines Morgens aufwachte, und Dr. Heath stand da und sagte, »Nun, Liebes, wie geht es dir?« – »Bist du bereit, nach Hause zu gehen?« Er sagte mir, alles sei mit mir nun viel besser, ich würde mich nicht mehr böse benehmen, und es sei ganz normal, dass ich von nichts mehr wüsste, was passiert sei, als ich hier war. Ich wachte einfach auf, hatte keine Erinnerung, er sagte mir, ich sei brav und folgsam gewesen, und jetzt sei es Zeit, heim zu gehen. Er hat mich heim geschickt, hat meine Mutter angerufen, wenn ich blaue Flecken oder sowas hatte, hat ihr erklärt, woher das käme. Oder wenn ich blutete, sagte er ihr, das käme von einer Untersuchung, einem Test, es hätte sein müssen. Sie hat niemals weiter gefragt, ich glaube nicht, dass es sie überhaupt interessiert hat. Sie wollte es sinfach nicht wissen.

[WM]: Und Morse Allen? Sie haben ihn erwähnt. Was wissen Sie noch von seiner Rolle?

[CM]: Er war von der Fakultät »Wissenschaft und Technologie«. Ich glaube, Martin Orne war dort einmal Chef. Er war bei ORD, Office of Research and Development (Fachbereich Forschung und Entwicklung), dort war Morse Allen der Chef. Die haben an allem Möglichen geforscht, es ging in großem Umfang auch um Strahlung, ich habe darüber Gespräche mitgehört. Er hat auch an dem Projekt mitgearbeitet, das mich betrifft. Ich kann mich von Anfang an gut an ihn entsinnen, … ab 1958 bis zur Highschool-Zeit, ab dann erinnere ich mich nicht mehr an ihn.

[WM]: Und dieser L. Wilson Greene, von dem Sie ebenfalls spachen …

[CM]: Neben Heath war er wohl die höchste Autorität, wie immer Sie dazu sagen wollen. Er war ein deutscher Arzt. Sein Vorname war Liam, aber er wollte nur »Dr. Greene« genannt werden. Er war der Chef des Edgewood Arsenal, dort war sein Büro … in Fort Detrick, Maryland. Dennoch kam er öfters nach Tulane, er arbeitete mit Dr. Heath an den Projekten. Als ich 14, 15 war, hat er mir, genauer gesagt einem meiner Schatten, die Geschichte erzählt … wie er hier her gekommen war. Er sagte, er wäre Jude, er war in einem KZ bei Kriegsende, die Nazis hätten seine Schwester umgebracht und ihn dort eingesperrt. Er hatte dort den »Todesengel« kennengelernt, und das sei sein Held, er hätte bei dessen Experimenten mit Zwillingen und all dem gerne zugesehen … ich wusste nicht, wer der Todesengel war … es stellte sich heraus, das war Dr. Josef Mengele (SS-»Arzt«). Dr. Greene sagte, er kam mit 15 in das KZ … ich weiß nicht, wie lange er dort war … aber als der Krieg vorbei war, hat man ihn in die USA gebracht, ihn die Medical School absolvieren lassen, und jetzt bezahlte ihn die USA für diese Experimente. Er sagte, nun, deine Regierung bezahlt mich dafür, was ich mit dir mache, und er meinte, unsere Regierung wäre eine Ansammlung von Deppen, sie seinen alle blöd, aber er würde nun mal von ihnen bezahlt, und sie wären schließlich die gewesen, die ihn aus dem KZ geholt hätten …

[WM]: Sie sagen gerade, es sieht so aus, als ob L. Wilson Greene, obwohl Opfer im KZ unter Mengele, sich daran beteiligt hat … bei den Experimenten geholfen …

[CM]: Er war bei Mengele gut angesehen, weil er Interesse gezeigt hat an seinen Experimenten, und so kam es … er war nicht wirklich mehr ein Gefangener, mehr ein Assistent, halbwegs, obwohl er Jude war … er zeigte ein großes morbides Interesse an dem, was die da taten. Das war jedenfalls seine Version … weiß nicht, ob das wahr ist. Er hat es mir erzählt … ich glaube, sonst niemandem … ich denke, er hat jedem etwas anderes erzählt … das war halt die Story für mich. Über sich selbst hat er nicht wirklich geredet. Ein Privatleben hatte er wohl nicht. Er hatte wohl weder Frau noch Kinder, reiste mal hier-, mal dorthin. Ich wusste nicht einmal, wo er wohnte, wenn er in New Orleans war, bis ich Jahre später erfahren habe, dass er in Camp Nichols wohnte. Ich dachte, dass er in der Klinik wohnte, weil er immer dort war.

[WM]: Waren irgendwelche Ärzte an sexuellem Missbrauch an Ihnen beteiligt während dieser Experimente?

[CM]: Aber ja. Viele. Die meisten haben ausgenutzt, dass … so lange sie dort waren, hatten sie Zugriff auf … sie haben halt gemacht was sie wollten. Einer der wenigen, der das nicht tat, war Gottlieb … es gab so einen Spruch, er stünde nur auf kleine Jungs … deshalb wollte er wohl nichts von mir. Martin Orne aber sehr wohl. Auch Dr. Greene ein paar mal. Dr. Brown, und natürlich viele der Agentur-Männer … die haben das gemacht. Oh, Hamilton. Der war furchtbar. James Hamilton. Ich glaube, er war aus Kalifornien. Stanfort oder … er war aus Kalifornien und war mit Projekten beschäftigt über abweichendes Sexualverhalten … wenn es eine Chance gab, seit ich acht Jahre alt war, bis in meine Zwanziger, dann hat er das ausgenutzt. Sie hatten sogar ein [Video-] Band von ihm, ihm war das anscheinend total egal.

[WM]: Mit was für Leute hat man Sie noch zu Sex gezwungen, um sie damit zu erpressen, was waren die Hintergründe?

[CM]: Militärs. Es gab diese Generalinspekteure, die kamen vorbei. Die sind im ganzen Land herum gereist, haben die Örtlichkeiten inspiziert, wo die Projekte stattfanden, und sie hatten zu entscheiden, ob das Geld dort gut angelegt war oder nicht. Einer der Arten, sie davon zu überzeugen, war, ihnen alles zu bieten, was auch immer sie wünschten. Dass die beim Militär waren erkannte ich daran, dass sie praktisch immer Uniform trugen. Sie waren Inspektoren. Es hieß dann, der Inspektor kommt, du musst nett zu ihm sein, musst für ihn alles machen, was er will. Sie haben dich immer ausgenutzt. Einer war der mit den Flügeln auf der Jacke. Er war Oberst der Luftwaffe. Dann kam da ein Admiral, auch ein Inspektor. Es waren meist diese Militär-Leute … sie waren entweder dabei wenn … sie hatten diese Dinge wie … ich bin ein paarmal nach Texas gefahren, zu diesem Ort namens »TRIMS«, an die Buchstaben am Tor erinnere ich mich genau, das »R« stand für »research,« Forschung, das »T« für Texas. Man brachte mich dort hin und ich musste an diesen »shows« teilnehmen, sie führten das vielen Leuten vor, vom Militä und von Agenturen … die Ärzte führten ihre Erfolge bei den Projekten vor. Du musstest dan vor all diese Leute, das war wie ein Hörsaal, und sie haben dann … hervorgerufen … solche Dinge gemacht … wenn du dich aufspaltest, manchmal, … da kannst du tatsächlich sowas wie Anästhesie in deinem Körper hervorruven … als ob du diesen Teil abspaltest, und du fühlst den Schmerz nicht, wenn es passiert, aber du fühlst ihn später … sie haben Dinge gemacht, die sehr schmerzhaft waren, doch offensichtlich war es das im Moment nicht, und da waren die ganzen Ohs und Ahs von Leuten, die so etwas noch nie zuvor gesehen hatten. Nun, so haben sie bewiesen, dass sie ihr Geld sinnvoll verwendeten. Sie mussten den Leuten vorführen, dass sie es nicht nur für Hotelzimmer und Restaurants ausgaben, dass sie wirklich Forschung betrieben. Sie fügten dir Schmerz zu, und du sprütest es nicht. Sie setzten dich in Trance, unter Hypnose, sagten die, du spürst diesen Teil deines Körpers nicht, hielten eine brennende Kerze darauf … du hast nichts gespürt. Sptäer hat die Verbrennung dann weh getan, aber das war eben die Demonstration. Ich glaube, das war eine Air Force Base, wo ich damals war, man hörte die Flugzeuge. Ich war nicht die Einzige … da war eine ganze Schlange von Leuten, die auf ihre Vorführung warteten, wir hatten alle Krankenhaus-Kittel an, und Dr. Heath und Dr. Greene führten mich hinein, und sie sprachen vor der Zuhörerschaft, sagten, was sie vorführen würden, und dann …

[WM]: Können wir vielleicht über die Programme im EInzelnen sprechen, an denen Sie beteiligt waren, nach dem, was Sie mitgehröt haten? Sie haben MKULTRA genannt. Was war Ihrer erfahrung nach MKULTRA, vielleicht können wir auch noch andere Projekte ansprechen …

[CM]: Man hat mir das so erklärt … naja, nicht wirklich erklärt … ich habe eher mitgehört, was sie darüber sagten. Damals im II. Weltkrieg, als sie mit den Forschungen anfingen, gab es ein Prijekt BLUEBIRD, das wurde dann umbenannt, es gab schon einanderes Regierungsprojekt diesen Namens. Sie nannten es dann ARTICHOKE, »das große A«. Es ging darum, Amnesie hervorzurufen. Sie wollten das wohl bei Soldaten anwenden und haben das erst einmal anderweitig getestet. Es gab einen Professor, der das machte … getroffen habe ich ihn nie, sie sprachen nur von ihm. Irgendwann hieß das dann MKULTRA, das war der übergeordnete Name der Projekte … ales lief unter MKULTRA … MK stand für Mind Control. auch wen die Schreibweise nicht richtig war …

[WM]: Die Schreibweise passt auf das deutsche Wort »Kontrolle« …

[CM]: Mag sein, dass Dr. Gottlieb sich das damals so ausgedacht hatte. ULTRA stand für ultimative Mind Control. Einmal musste ich nach Mexiko, um Filme von einer Person dort aufzunehmen … das hieß MKULTRA 128 … das war das Unterprojekt 128, ich war Subjekt Nummer drei. Nach dem Experiment hat Dr. Heath – meistens war er es selbst, kein Untergebener, er war für die Namen zuständig – sich zum Diktat hingesetzt (wie die Ärzte, wenn sie nach der Behandlung ihre Notizen ins Diktiergerät sprachen) – sie taten das auch, die Berichte gingen zu den CIA-Akten. Ab und zu habe ich mich auch hingesetzt und zugehört. Sie dachten, ich schlafe, ruhe mich aus oder so etwas … ich hörte jedoch zu, und der Teil von mir mit dem photographischen Gedächtnis zeichnete alles mit auf, was sie sagten. Er erklärte ausführlich, was sie gerade im Rahmen des Projekts taten, und ab und zu diktierte er das Wort »löschen« – etwa: MKULTRA Juli 1963, Mexico City, löschen. Das bedeutete, er gab die Anweisung, Details zu löschen, wollte nicht zu viel verraten. Es gab andere Projekte, an denen ich zwar nicht beteiligt war, über die ich aber Gespräche mithörte. MKNAOMI beispielsweise, das hatte mit Drogen zu tun, die bestimmte Effekte auf Soldaten hatten, das sollte an Feinden angewandt werden. Da war das »Problem K«, da ging es um Paralyse (Lähmung). Ich habe gehört … Operation Secret unterstand MKULTRA, ein Projekt, das mit dem Hirn zu tun hatte. MKSEARCH – das war wohl biologische Kriegsführung mit Krankheitserregern, und auch mit Strahlen. Bei MKULTRA Unterprojekt drei ging es um gesicherte Häuser, wie das Hotel Roosevelt in New Orleans – das hatten sie das ganze Jahr über, mit Kameras, und es war ein sicherer Platz, den sie benutzen konnten, ohne dass irgendwer etwas darüber herausbekommen konnte. Etwas, das mit Hypnose zu tun hatte, auch mit Strahlung und Elektrizittä, unterstand dem ORD (Office of Research and Development, Büro für Forschung und Entwicklung), Martin [Orne] war dort lange Zeitder Direktor für Technische Wissenschaften. Operation CHATTER hatte mit Drogen zu tun, damit Leute redeten – es ging um verschiedene Drogen, die man ausprobierte, damit feindliche Soldaten das Reden anfingen.

[WM]: Was wäre Ihrer Ansicht nach notwendig zu tun, um Ihnen ind anderen Überlebenden, die all das durchgemacht haben, zu helfen?

[CM]: Wir brauchen Besttäigung, alle CIA-Akten, die noch unter die Geheimhaltung fallen, müssen geöffnet werden. Dort steht noch viel mehr über die Dinge, über die ich hier erzähle. Ich weiß, dass mein Name in den Akten verzeichnet ist, ich habe ihn 1964 selbst in einer der Akten gesehen. Ich konnte einen Ordner einsehen, den man in einem Raum liegen gelassen hatte, Mein Name stand drauf, Crystal Stone, und es gab ein Memo, das an den Direktor gehen sollte. Ich glaube, dass noch genug übrig ist, auch wenn ein großer Teil der Akten vernichtet wurde. Mgölich, dass irgendwo mein Name draufsteht. Das wäre die Besttäigung. Auch wenn man diese Leute nicht mehr strafrechtlich verfolgen kann, mcöhte ich, dass der Präsident eingesteht, dass das passiert ist, und dass daraufhin irgend etwas passiert.

[WM]: Sehen Sie hier Vortschritte? Einer der Punkte ist die Deklassifizierung [Aufhebung des Geheimhaltungs-Status] der Akten, die es noch gibt …

[CM]: Ich denke, da müsste eine eigene Kommission her – diesmal eine speziell über Mind Control. Es muss untersucht werden – z.B. die Experimente in TusKagee. Es wird wohl eine Kommission geben, die Präsident Clinton zur CIA einrichten lässt, und ich würde gerne eine speziell zu Mind Control sehen, die die Akten der CIA genau darüber durchsucht – speziell zu Fällen mit Kindern. Denn das ist das Furchtbarste an dem, was sie getan haben, dass sie das Kindern angetan haben – es ging hier nicht nur um ahnungslose Bürger, die verletzt werden – sie haben das kleinen Kindern angetan, sie haben diese furchtbaren Dinge mit Kindern gemacht, und sie haben sich dabei überhaupt nichts gedacht. Sie haben in keiner Weise Schuld oder Reue gefühlt, das wei\ ich mit Sicherheit.

[WM]: Wieviele Kinder waren das denn noch, nach Ihrer Erinnerung?

[CM]: Ich bin mir sicher: Das waren Tausende und nochmal Tausende … schon von der Anzahl der Kinder her, die ich in diesem Sommer gesehen habe, im Deep Creek Lodge in Maryland – dort msüssen es wohl 75 Kinder gewesen sein – und Sie können sich ja vorstellen, das war dort nur das eine Mal – wieviele Kinder waren da noch beteiligt – jedesmal, wenn ich dort hin kam, waren dort wieder 75 andere Kinder, multiplizieren Sie das einfach mit der Zeit und der Anzahl solcher Einrichtungen über das Land verteilt. Da müssen Sie mit Tausenden rechnen. All diese Kinder sind heute erwachsen, und ich meine, es müsste offiziell anerkannt werden, dass uns das passiert ist, schon aus dem Grund, dass solche Dinge nie mehr passieren können. Woher wissen wir denn, ob die nicht immer noch weiter solche DInge machen?

[WM]: Haben Sie andere Überlebende getroffen?

[CM]: Ja. Wir sind ständig über Internet in Kontakt, ich habe sie bei Konferenzen getroffen.

[WM]: Ab wann haben Sie andere Überlebende kontaktiert?

[CM]: Gleich nach Washington. Vorher war ich hauptscählich mit meiner eigenen Therapie beschäftigt. Das war mein erster Kontakt mit anderen Überlebenden, damals in Washington D.C. Seither gab es ständigen Kontakt, schon zum Erfahrungsaustausch. Ihnen ist ähnliches widerfahren wie mir. Dann waren viele von uns Adoptivkinder, die in diesen Experimenten benutzt wurden. Dafrü gibt es sicherlichs einen Grund. Ich bin mir sicher, dass dafür eine unglaubliche Anzahl von Adoptivkindern benutzt wurde.

[WM]: Was frü Ergebnisse erwarten oder wünschen Sie von Hearings über Mind-Control-Experimente?

[CM]: Ich will, dass der Präsident das eingesteht – dass wir heraus kommen und der Welt erzählen, dass das passiert ist, dass die Regierung dahinter gestanden ist, dafür bezahlt hat, mit unseren Steuergeldern. Ich erwarte mir nicht viel Schadensersatz, etwa in Form von Geld, jedenfalls tue ich es nicht deswegen. Ich wei ßnicht, ob wir überhaupt etwas bekommen werden, aber das ist nicht die Hauptsache. Das Wichtigste ist, dass das Volk wissen muss, zu was unsere Regierung fähig ist, was sie getan hat, und dass sie die Täterschaft eingesteht. Die meisten der Leute sind tot, wir müssen aber dennoch alles aufdecken – es muss anerkannt werden, dass so etwas passieren kann, passiert ist, es muss dokumentiert werden, damit es nie wieder passieren kann. Die Leute sollen nicht weiter in einer Traumwelt leben, in der die Regierung solche Dinge niemals tut, nicht in diesem Land. Aber sie haben das getan, tun so etwas … die Leute müssen das wissen.

[WM]: Wie können unsere Zuhörer dazu beitragen, wenn sie wollen, dass solche Hearings stattfinden sollen?

[CM]: An das White House schreiben, an den Prsäidenten und an Mrs. Clinton – wer einen Computer hat, kann das auch direkt per e-Mail tun. Wenn da Leute schreiben, solche Hearings verlangen, dann wird man zuhören müssen. Wenn Opfer kommen und fordern, »ich will, dass das untersucht wird«, dann müssen die Akten geöffnet werden, sie msüsen den Leuten gestatten, zu sehen, was in diesen Akten steht. Es gibt keinen Grund mehr, diese Akten geheimzuhalten. Die Leute msüsen sich an ihre Senatoren und Abgeordneten halten, und an den Präsidenten, bis etwas unternommen wird.

[WM]: Claudia, ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie hier her gekommen sind und an der Radio-Serie teilgenommen haben. Ich weiß, es ist … ich sehe es als extrem mutig von Ihnen, dass Sie Ihre Erfahrungen hier dargelegt haben, dass Sie Ihre Erinnerungen an diese schrecklichen, unentschuldbaren Experimente hier dargelegt haben. Und ich denke, die Leute müssen wirklich die Regierung dafür zur Verantwortung ziehen, was sie getan hat.

[CM]: Ich bedanke mich bei Ihnen, Wayne. Ich schließe mich Ihren Worten voll und ganz an, und ich rede gerne mit jedem darüber, der mit mir per Internet in Kontakt treten will. [die folgende Mailadrese d«rfte nicht mehr aktuell sein – Google hilft]