Übersetzung (leicht gekürzt und der Lesbarkeit halber nicht 100% wörtlich): Januar 2004 JK

Claudia Mullen

Interview mit Claudia Mullen von Wayne Morris, Radio CKLN

Ansage

Wayne Morris:

Guten Morgen. Sie haben wie jeden Sonntag die Sendung »International Connections« eingeschaltet. Wir machen weiter mit unserer Serie über Mind Control, heute mit einer Claudia Mullens Präsentation zur Konferenz »Glaubt den Kindern« im April 1997 in Chicago. Sie beschreibt dort, wie sie unter Missbrauch aufwuchs, wie ihre Mutter sie für Experimente mit Mind Control an der Tulane-Universität New Orleans hergab. Claudia Mullen hat auch beim Präsidialen Ratsausschuss zu Strahlenexperimenten an Menschen im März 1995 zu Mind Control ausgesagt. Sie verwendet hier die Ausdrücke »Multiple Personality Disorder« (MPD, krankhafte mehrfache Persönlichkeiten) und »Dissociative Identity Disorder« (DID, Krankhaftes Zertrennen der Identität) statt dem alten Begriff »Multiple Personality« (MP, Mehrfach-Persönlichkeiten). In vergangenen Sendungen hörten wir bereits, wie ein schweres Trauma (Angst, Schock, Schmerzen, Verletzungen) bei einigen Kindern zur Spaltung der Persönlichkeit oder zu MPs führen kann. Wir haben auch gehört, wie MPs von der CIA benutzt wurden, um programmierte Agenten für die Dienste der Regierung und des Militärs zu schaffen. In der zweiten Hälfte dieser Sendung beginnen wir dann mit einer Interview-Reihe, die ich mit Claudia Mullen geführt habe. Die Fortsetzung hören Sie dann in den folgenden zwei Wochen. Sie hören Radio CKLN auf 88,1 UKW.

Präsentation auf der Konferenz »Glaubt den Kindern«

Claudia Mullen:

Hallo und danke [...] Können Sie das alle lesen? Hier steht: »Wie viel ist ein Kind wert?« Sehen Sie sich mit mir zusammen dieses kleine Mädchen an, knapp drei Jahre alt. Sie wurde mit Zweieinhalb adoptiert. Vorher war sie im Waisenhaus, im Kinderheim, seit ihrer Geburt. Sie wurde von einer bekannten wohlhabenden Familie in New Orleans adoptiert, und sie wurde drei Wochen lang auf dieses Foto vorbereitet. Wie sah diese Vorbereitung der »Monster-Mama« (die Adoptivmutter) aus? Sie musste jeden Tag komplett nackt im Sandkasten spielen, bis sie richtig braun war und ihre glatten Haare noch blonder. Sie weiß nicht, wozu das wichtig sein soll, sie lässt sich fotografieren. Monster-Mama zieht ihr das kleine Sommerkleid an, ihre Tennisschuhe und den zauberhaften Armreif, den ihr die Patentante geschenkt hatte. Sie gehen hinaus in den Garten, wo schon ein fremder Mann mit einer Kamera wartet.

Das kleine Mädchen ist sehr, sehr nervös. Alles im ihrem Leben muss völlig nach Plan laufen. Alles muss so sein, wie ihre Mutter das haben will, sonst drohen ernste Konsequenzen: Sie wird dann geschlagen, schwer verletzt. Zudem steht Monster-Mama auf eklige Dinge, die sie nicht verstehen kann, aber das gehört zum Leben. Ab dem Alter von etwa zwanzig Monaten, im Waisenhaus, hatte sie imaginäre Freunde. Sie sprachen mit ihr, trösteten sie, und jetzt hat sie ein paar mehr von diesen imaginären Freunden, die manchmal heraus kommen, wenn Mama eklige Sachen macht oder wenn sie bestraft wird, weil sie Milch umgeschüttet oder nicht Hände gewaschen hat. Mama sagt: »Du wirst jetzt ein gutes Mädchen sein, sie zu, dass Mama nicht böse wird auf dich, denn du weißt, was dann passieren wird: Ab, zurück ins Heim«. Mama lässt sie immer mit dieser Drohung leben, immer, bis sie dreizehn oder vierzehn ist und die Mama stirbt.

Wie auch immer, jetzt macht sie sich fertig für; das Foto, sie funktioniert nach Programm, sie steht da, wird lächeln, wenn Mama sagt »lächle«, sie macht das nette Gesicht wie immer, sie lächelt. Plötzlich aber fällt ein Träger ihres Sommerkleidchens herunter, sie weiß nicht, was sie tun soll, Monster-Mama wird gleich richtig, richtig wütend werden. Doch es kommt ganz anders. Mama geht zu ihr hin, sieht sie an, sagt »perfekt!« und zieht den Träger noch ein kleines Stück weiter hinunter. Gut so, sagt sie, »Fotografieren Sie das so! Lächeln!« – und sie lächelt auch. Warum wollte Mama dieses Foto haben? Für ihre Freundinnen der feinen Gesellschaft, zu der sie als Emporkömmling gerne gehören wollte? Das kleine Mädchen bemerkt jetzt noch nicht, erst Jahre später, was hier wirklich passiert: Mama macht mit diesem Foto Reklame für die Adoptivtochter, bietet sie an wie zu einer Auktion. Ziemlich bald danach muss das kleine Mädchen bei anderen Leuten die Nacht verbringen – bei den wirklich reichen Leuten in der St. Charles Avenue, die alles hatten, nur keine Kinder. Da musste eben das kleine Mädchen bei diesen Leuten die Nacht verbringen und alles tun, was dieser Papi dort wollte, und es gab kein Beklagen, denn man muss tun, was die Erwachsenen sagen. So war das Leben nun mal. Dinge wie »Nein«, »ich will nicht« oder »das ist eklig, mir wird schlecht« gab es nicht. So geht das die ganze Zeit. Monster-Mama hat endlich, was sie wirklich will – sie ist gut Freund mit den einflussreichsten und wichtigsten Leuten der Stadt. Mr. Fenner zum Beispiel, mit dem das kleine Mädchen bald viel Zeit verbringt, mit ihm und seinen Freunden, auch auf dem Camp in Louisiana, mit ein paar anderen kleinen Jungen und Mädchen zusammen. Die Leute machen seltsame Dinge, Männer kommen nachts zu Parties vorbei, und sie reichen die Kinder herum wie Appetithäppchen. Außer dem ersten Mal nach ihrer Adoption und nochmal mit Elf hat sie Weihnachten nie zu Hause verbracht, Geburtstage auch nicht, sie war immer auf dem Camp. Auch Ostern, Halloween, die Ferien bis zum allerletzten Tag. Niemand fragt, warum sie an Weihnachten nie zu Hause ist, oder wo sie ist. Ihre große Schwester, sie ist fünf Jahre älter und nicht adoptiert, sie muss nie ins Camp, traut sich nie zu fragen: »Warum ist meine kleine Schwester an Weihnachten nicht daheim? Warum bekommt sie keine Geschenke?« Sie muss eben auf dem Camp sein, niemand fragt, auch nicht ihr Adoptivvater. Sie hat eben viele Papis und Onkel. Sie funktioniert nach Programm, ihr Denken, ihr Körper, denn das Leben besteht eben daraus, zu tun, was die Erwachsenen sagen, und dann ist sie ein gutes Mädchen und es tut dann auch nicht so sehr weh. Ein bisschen tut es schon weh, manchmal auch öfter, aber irgendwann ist das vorbei, und so ist das Leben halt. Sie geht in diese exklusive katholische Mädchenschule, sie hat großes Glück gehabt, dass sie dort hin gekommen ist. Vorher war sie in der Vorschule der Tulane-Universität, eine der elitärsten Hochschulen des Südens. Dort saß Mr. Fenner im Aufsichtsrat, auch ein guter Freund von Dr. Robert Heath, dem Leiter der Neuropsychiatrie in Tulane. Ein Mann, der seinerseits gute Freunde hatte, die bei der Regierung arbeiteten, für den Präsidenten und für etwas, das sie »CIA« nannten. Sie hatte keine Ahnung, was das war.

Am Anfang der zweiten Klasse soll sie getestet werden. Ihre Persönlichkeit, ihr Gedächtnis. Sie sagten ihr, sie habe ein gutes Gedächtnis – und hatten keine Ahnung, wie gut es wirklich war: einer ihrer kleinen imaginären Freunde hatte nämlich eine Kamera im Haar versteckt, sie fotografierte, sie registrierte alles und Jeden, mit dem sie zu tun hatte, Jeden, zu dem sie lieb sein musste, Jeden, der sie getestet hatte. Jedenfalls, man sagt ihr, sie wird getestet, ob sie für das Camp geeignet ist, sie sagt, »ooh, kein Camp«, aber das scheint ein wirklich schönes Camp zu sein, ganz oben in den Bergen, ganz weit weg von zu Hause, von Monster-Mama und Mr. Fenner – sie darf dort hin, wenn sie die Tests schafft. Manche dieser Tests sind … nun, die Ärzte kommen von überall her, um sie zu testen. Sie machen ziemlich grausige Sachen mit ihr, sie wollen ihr Schmerzempfinden testen, ihr Erinnerungsvermögen, ihre Persönlichkeit, und sie wollen sehen, mit wem sie am besten zurecht kommt. Das Ergebnis: Sie kommt am besten zurecht mit älteren Männern, Papis oder Onkeln, auf die sprach sie am besten an. Ja, sagte man ihr, »Du bist aufgenommen in dieses Camp«.

Im August fährt sie drei Wochen lang weg, nach Deep Creek Lodge in Maryland. Sie fährt im Zug zusammen mit ein paar Unbekannten, Fremden. Es sind Kinder dabei, sie ist die Jüngste. Deshalb soll sie im Club-Wagen schlafen, wo sie die ganze Nacht auf bleiben und diskutieren, über »Projekte«: Ärzte, Direktoren und solche Leute. Alle meinen, sie schläft, doch das kleine Mädchen in ihr mit der Kamera in der Hand notiert alles, was sie hört. Dann kommt sie bei diesem Camp an. Das sind die wirklich drei schönsten Wochen ihres Lebens, denn niemand tut ihr dort wirklich weh, und sie bekommt auch keine Spritzen (außer den Antibiotika, damit sie nicht krank wird). Sie bekommt keinen Strom in ihren Kopf, es gibt keine blauen Flecken. Und sie darf sich für diese drei Wochen einen Papi aussuchen. Und der bringt ihr etwas sehr wichtiges bei, dass das alles für ihr Land ist, dass sie dem Präsidenten einen großen Gefallen tut, dass sie hilft, den Kommunismus aufzuhalten. Darum ging es also – sie fühlt sich als etwas Besonderes, sehr Wichtiges. Also gibt sie ihr bestes. Sie sucht sich diesen Mann aus, sie passen gut zueinander. Es sind noch mehr Kinder hier, Mädchen, sogar jünger als sie, Jungen, an die muss sie immer denken, Teenagers, ein paar junge Frauen, aber überwiegend Kinder. Sie werden alle einem Erwachsenen als Paar zugeordnet und verbringen mit ihm drei Wochen Training.

Training bedeutet in diesem Fall, dass Onkel Otto (so nennt er sich, mehr weiß sie nicht über ihn, außer dass er Arzt ist aus Kansas), sehr nett zu ihr ist. Sie wird später fragen, ob sie nicht bei ihm bleiben kann nach dem Camp. Sie darf sich einen Namen aussuchen, bis sie wieder nach Tulane geht für all die Tests und Behandlungen. Man hat ihr gesagt, warum sie nach Tulane musste: Weil sie sich daheim schlecht verhalten hat, ihr Bett nass gemacht hat, zu oft geweint hat, und weil sie sich manchmal an Stellen berührt, wo sie das nicht darf. Sie hat diese »abnormen« Dinge gemacht, deshalb hat sie ihre Mutter nach Tulane gebracht. Wegen kindlicher Schizophrenie und anomalen Verhalten, was auch immer das bedeuten mag. Jedenfalls hat sie im Camp drei Wochen verbracht, meistens gingen sie schwimmen, ohne Kleider, sie hatten sowieso kaum Kleider an in dieser Zeit. Sie aß immer zusammen mit diesem Mann, schlief jede Nacht mit ihm, und unter Tags brachte er ihr bei, wie er es ausdrückte, »wie man lieb zu einem Papi ist«. Es war irgendwie eklig, sie mochte das gar nicht gerne, aber immerhin tat es nicht weh, sie blutete nachher nicht, darüber war sie froh. Schlecht war das mit den Filmen am Ende der Zeit. Sie sagten ihr, sie hätte alles gut gemacht, deshalb würde man sich jetzt jeden Abend diese Filme ansehen – das kleine Mädchen sah sich gar nicht gerne in diesen Filmen, sie hatte dort niemals Kleider an, und immer waren da diese Papis oder Onkel, die mit ihr irgendwelche Dinge machten. Manchmal waren auch andere Kinder dabei, Jungen, Mädchen, auch Tiere, alles. Jeden Abend würden Onkel Otto und die kleine Ava (sie nannte sich nach Ava Gardener, sie mochte Filmstars) diese Filme anschauen und sehen, wie gut sie alles gemacht hatte. Und was sie noch tun sollte, außer zu Papis lieb zu sein, war etwas, das man »coercing« nannte (etwa: herausfordern), sie dazu zu bringen, dass sie über sich selbst redeten, dass sie über ihre noblen Häuser erzählen, wie viele Kinder sie hatten, wie teuer ihre Ehefrauen immer einkauften. Und diese Papis kamen immer wieder, wenn sie nicht bei Onkel Otto war, und sie sprachen über sich, einige sagten sogar »du bist ungefähr gleich alt wie meine kleine Tochter«. Ein paar Jahre später erinnert sich das kleine Mädchen und wird sehr traurig: »diese kleinen Mädchen dort zu Hause waren sicher froh, als ihr Papi fort war«. Jedenfalls bringt sie diese drei Wochen zu Ende, und es gibt eine Party, um den Erfolg des »Projekts« zu feiern. Sie nannten es »Sensible Forschung« und es lief unter einem Begriff: MKULTRA. In der letzten Nacht kamen viele Leute mit winzig kleinen Flugzeugen angeflogen, sehr reiche Männer, Leute, die für den Präsidenten der USA arbeiteten, Uniformierte, und sie betranken sich alle, und wieder einmal wurde das kleine Mädchen herum gereicht wie ein Tablett mit Vorspeisen. Das war eine furchtbare Nacht, sie dauerte ewig und ewig, und am Ende hätte sie in ein Krankenhaus gehört, aber man brachte sie in keines. Man setzte sie in den Zug zurück nach New Orleans, ins Krankenhaus von Tulane, wo sie blieb, um gesund zu werden. Sie kam nie zurück in das Camp. Sie lernte, was sie lernen sollte, das war ihre Aufgabe. Es war ihr Job, dem Land zu helfen.

Eigenartigerweise, jedes Jahr, wenn sie von ihren »Behandlungen« von Tulane heimkam (diese Behandlungen umfassten auch Reisen zu Orten mit Flugzeugen und uniformierten Militärs, mit Flügeln auf ihren Jacken), konnte sie sich nicht erinnern, was in der Klinik passiert war. Sie wusste, dass sie irgendwo hin ging wegen dieser Schizophrenie, etwas über das man nicht redet, andere Leute sollen das nicht wissen: »mein Kind geht zum Psychiater« – das wäre schrecklich. Das war eines der großen Geheimnisse, die sie für sich behalten musste. Es gab viele solche Geheimnisse, die sie für sich behalten musste. Sie macht das nicht gerne, aber das gehört zum Leben. Hat nicht jedes kleine Mädchen Geheimnisse? Muss nicht jedes kleine Mädchen zu Papis und Onkeln lieb sein? Hat nicht jedes kleine Mädchen Monster in ihrem Leben? Sie glaubte das jedenfalls. Sie glaubte auch, dass jeder imaginäre Freunde in sich drin hatte, die verschiedene Namen hatten, anders aussahen, sogar andere Haare hatten, einige waren größer als sie, andere kleiner. Sie glaubte, jeder hätte das, sie kannte es nicht anders. Sie konnte sich nie erinnern, und zwar weil sie, wie sie sagten, Elektrizität in ihren Kopf gaben, und das tat sehr weh. Sie bekam davon immer schwere Kopfschmerzen, und wenn sie heimkam, gab ihre Mutter ihr immer diesen Medizin-Saft, damit sie einschläft. So also sorgen sie dafür, dass sie vergisst. Sie sollte wohl für immer vergessen, und nachdem die Ärzte fast wie Gott sind, sollte sie immer zu diesen Ärzten gehen, wenn sich Kopfschmerzen einstellten oder Albträume – manchmal waren diese Albträume wirklich schlimm. Sie schlafwandelte, und Monster-Mama rief bei den Ärzten an: »Sie tut wieder etwas, ich kann sie nicht steuern«. Bis sie acht Jahre alt war, schlief sie in einem Gitterbett, um sie vom Schlafwandeln abzuhalten, und sie macht immer noch das Bett nass. In die Schule muss sie immer Unterhemden für kleine Jungen anziehen und fleischfarbene Leggings, die aussehen wie Windsäcke, um die blauen Flecken und Narben zu verbergen. Die anderen Kinder wussten nur, dass sie komische Kleider trug und lachten sie aus. Das war auch Teil ihres Lebens, sie war die Außenseiterin. Anders als die anderen Kinder. Immerhin etwas Besonderes – sagten jedenfalls die Ärzte und die Soldaten immer.

So geht das Leben weiter, nur, je älter sie wird, um so schlimmer und schwieriger wird es, lieb zu den Papis zu sein. Als sie 13 ist, stirbt ihr Adoptivvater – er hat nie etwas unternommen, um all das zu stoppen, sie ist sich sicher, dass er nichts Genaues wusste, allerdings auch nie weiter gefragt hat. Ihr erzählt man, dass sie schuld ist an seinem Tod, ein weiterer Schritt, um absolute Kontrolle über sie zu gewinnen.

Ich habe etwas vergessen zu erzählen. Dieser Mann, Mr. Fenner, Fakultätsleiter in Tulane, den sie »Magister« nannte, wenn sie zu seinem Camp kam – Mr. Fenner konnte sie nicht sagen, die Kinder sollten nicht wissen, wer die Männer waren, auch gegenseitig sollten sie nicht wissen, wer der Andere war. Sie trugen alle Faschingskostüme und Masken. Dieser Mr. Fenner kam einmal zu Monster-Mama und sagte zu ihr vor dem kleinen Mädchen Worte wie »Wir müssen sie hart machen – Schmerzen – Wasser – Strafe – im Schrank einsperren – Dunkelheit – wir müssen sie hart machen«. An mehr davon kann sie sich nicht erinnern, aber gleich darauf wurde Monster-Mama richtig böse und bestrafte sie. Das Leben ist ziemlich mies, aber sie musste das alles nicht alleine durchmachen, sie hatte ihre imaginären Freunde, die ihr halfen, und sie musste dann weg gehen – sie nannte das »weg gehen«, sich an einem sicheren Ort verstecken.

Als sie sechzehn war, starb Monster-Mama dann. Alle sagen, »du Arme, erst 16 und verlierst die Mutter«, doch ist sie innerlich so froh, muss eben traurig schauen und weinen. Doch die Behandlungen gehen weiter, oder sie muss in diese Hotelzimmer zu den Leuten, die für die Regierung arbeiten, und für den Präsidenten. Es gibt dort zwei spezielle Räume in diesen feinen Hotels in New Orleans, wo sie mit Neun trainiert wurde, lieb zu den Papis zu sein. Also geht sie in das Hotelzimmer, verbringt eine Nacht mit denen oder ein paar Stunden. Captain White, er trug eine Waffe und kam aus Kalifornien, zeigte ihr die Sache mit dem Badezimmer, das eine Kamera hinter dem Spiegel hatte. Das dazugehörige Zimmer war wie alle anderen, nur eben vornehm eingerichtet. Wenn Leute von Auswärts kamen, Politiker, alle möglichen Leute, dann musste sie bei denen bleiben und gute Arbeit machen, sie musste sie dazu bringen, dass sie über sich selbst redeten, und dass sie immer in Richtung Spiegel schauten.

So geht das weiter bis zum Ende der Highschool. Ihr College wählt sie so weit weg von New Orleans wie nur möglich – sie weiß nicht genau warum, aber sie weiß, dass sie weg will, geht aufs College. Ihr ging es dort besser, sie musste nur ab und an die Doktoren sehen und die Papis, viel seltener als vorher. Monster-Mama gab es auch nicht mehr. Also konnte sie sehr oft weglaufen und sich verstecken – einfach mit dem Auto irgendwo hin fahren, oder zu einem Freund, sich dort verstecken – doch sie musste immer wieder zurück, ihren Job machen, diese Filme mit den Männern, sie zum Reden bringen, denn das war »Munition« gegen sie, falls deren Geld knapp wurde. Tulane brauchte sehr viel Geld, und so sorgte man dafür, dass es immer wieder hereinkam. Die Filme wurden irgendwo in Virginia aufbewahrt, und wenn einer der Leute kein Geld mehr geben wollte für die »Projekte«, dann sagte man ihm eben: »Wir haben da so einen Film«.

Stellen Sie sich dieses kleine Mädchen vierzig Jahre später vor. Sie betritt gerade dieses exklusive Hotel, das Madison in Washington DC. Sie ist erwachsen, hat keine Kinder. Sie haben dafür gesorgt, dass sie das nicht kann, dass sie keinen Ärger mit Schwangerschaften haben. Sie tritt ein, sie wird zu einem Menschen in der Menge, einem Menschen aus dem Publikum. Sie ist ängstlich, nervös, so wie ich jetzt. Sie geht hinein, aber wenn sie das Hotel verlässt, wird nichts mehr so sein, wie es einmal war: Sie hat ausgesagt vor dem »Präsidialen Ratsausschuss zu Strahlenexperimenten an Menschen«.


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