Realitäten


I. Unter Beschuß auf Tau Ceti III



Wieder ein Einschlag, ca. 300 km NNO, Nukleardetonation!

Durch den Lichtblitz verdunkelte sich mein Helmvisier.

Und dann ein weiterer Atomschlag, offenbar knapp oberhalb der Atmosphäre. Die Zeit wurde knapp.

Das Sternenreich der Menschheit war nach anfänglicher, ungebremster Expansion nun schon seit 150 Jahren auf dem Rückzug im Krieg gegen einen fremden und übermächtigen Feind. Jetzt hatte die Front endgültig den Heimatbereich der Terraner erreicht. Die Lage war unhaltbar.

Ich war ein Sektionsmarschall ohne Gebiet. Mit Tau Ceti hatte die nach langen, schmerzhaften Konflikten endlich vereinigte Menschheit den letzten Stützpunkt im Ceti Sektor praktisch verloren. Früher hatten Heerführer in meiner Lage Selbstmord begangen. Mit einem resignierenden Kopfschütteln schob ich den atavistischen Gedanken beiseite.

Ich war verzweifelt darüber, daß ich das Blatt nicht hatte wenden können. Innerlich zerrissen beobachtete ich die dickbauchigen Transporter beim Start mit Siedlern für die Evakuierung. (Hoffentlich kommen alle durch.)

Auf dem Landefeld herrschten chaotische Zustände. Panik und Angst regierten die letzten Stunden der Menschheit auf Tau Ceti.

Das Flackern am Himmel bewies, daß die schweren Raumkämpfe im planetennahen Weltraum weiterhin an Schärfe zunahmen; dazu hätte es der ständigen Durchsagen der Ortungszentrale nicht bedurft, die immer neue Feindverbände im Anflug meldete. Das massive Feuer der Abwehrstellungen in den Howard Hawks Bergen mit ihren Kernfusionsgeschützen schickte erneut heftige Orkane über das Landefeld.

Es war jeden Moment ein massives Absetzen von Raumlandetruppen der Azarothen zu erwarten.

Ich beobachtete den Start unserer letzten Reserven. Die schlanken Raumjäger und Zerstörer, die unter starker Lärm- und Druckentwicklung abhoben und in den Raum heulten, konnten mich nicht aufmuntern; sie konnten das bittere Ende bestenfalls geringfügig verzögern.

Unten, in der überfüllten Abfertigungshalle, interviewte der Erfolgsreporter Jonny Oldwotny von der United News unermüdlich die wartenden Siedler. Die Stimmung war denkbar gedrückt, ja verzweifelt. Die hohen Verluste der Kriegsjahre, die häufigen Terrorangriffe hatten kaum eine Familie verschont. Viele Familien waren auseinander gerissen worden und suchten auf dem überfüllten Raumhafengelände hoffnungslos nach ihren angehörigen, an deren Überleben sie nicht glauben konnten.

Das chaos war vollkommen.

Die Übertragung Oldwotnys ging über Tachyonen Raumwelle live in Nullzeit zu den der Menschheit verbleibenden Kernplaneten von Sol, Alpha Cent, Sirius und Prokyon. (Was mögen die wohl denken? So stolz ist die Menschheit damals ins All hinausgegangen. Und das Ende ist jetzt wohl nicht mehr weit.)

Lt. Striker, mein Adjudant, brachte die neuesten Hiobsbotschaften aus der Comzentrale. Unsere Verteidigung hatte schwere Schläge hinnehmen müssen; meine schnellen Jagdverbände existierten praktisch nicht mehr. 30 Minuten nach ihrem Start!

Außerdem war die 3. Schwere Offensivflotte unter Admiral Tsien Li, die zu einem Entsatzangriff zum Schutz unserer Evakuierung eingeflogen war, schon auf der Orbitalbahn der 10. Planeten verlustreich abgefangen und weitgehend aufgerieben worden. Die schwachen Restverbände waren in Auflösung und zügelloser Flucht begriffen.

Die Lage war unhaltbar. Es war Zeit, nun auch das restliche Militärpersonal zu räumen. Ich ordnete Zustand ‘Violett’ an. (Viel zu früh! Wir werden nicht alle hinausbekommen.)

Sofort begannen meine Soldaten damit, systematisch Thermit an die Computer und Datenbanken zu legen und die Sprengung der Produktionsanlagen und Werften vorzubereiten.

Die Bodenabwehr gab noch eine kräftige Salve von sich und stellte dann ihre Tätigkeit ein.

Wir versuchten verzweifelt, die letzten Schiffe zu bekommen, jagten mit einem Schwebepanzer über das Raumlandefeld auf einen Kurierkreuzer zu, als das Bild einen Riß bekam und dann verblaßte.

II. Eltern



Es tat weh. Ich wachte auf und sah, daß die Fremde, die sich meine Mutter nannte, einfach abgeschaltet hatte. Wutzitternd nahm ich den VR-Helm vom Kopf und richtete mich auf.

Offenbar hatte sie mich zum Frühstück wecken wollen und dabei bemerkt, daß ich schon wieder die ganze Nacht unter der VR-Haube gesessen hatte.

Ich riß die Kassette mit der Aufschrift ‘Unter Beschuß auf Tau Ceti III’ aus der Konsole und warf sie aufs Bett.

Wie wir es tausendmal geübt hatten, gingen wir sofort aufeinander los und in den verbalen Clinch.

Wie oft habe ich dir gesagt, daß du nicht die ganze Nacht dein Gehirn mit diesem Mist benebeln sollst.” Wie immer redeten wir nicht miteinander, sondern schrien uns an. “Und wie oft habe ich dir gesagt, daß man einen VR-Projektor nicht einfach abstellen darf. Davon kann man verrückt werden.” Ich grinste sie gehässig an und machte mit dem Zeigefinger der rechten Hand eine kreisende Bewegung neben meiner Schläfe. “Und dann bist du schuld. Und jetzt will ich mich anziehen.”

Vor Ärger wurde sie ganz blaß um die Nase, dann warf sie den Kopf in den Nacken und rauschte aus dem Zimmer, nicht ohne die Tür hinter sich zuzuknallen.


*


Die Stimmung beim Frühstück war natürlich gründlich versaut. Es war der Tiefpunkt nach wochenlangen Reibereien. Eisig schweigend saßen wir drei, moderne deutsche Kleinfamilie, vor Kaffee, Orangensaft und Rühreiern.

Der Fremde mit der Glatze und der immer schlechten Stimmung machte noch einmal einen Anlauf, die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen zu überwinden, wählte aber die falschen Worte.

Aber, Junge, Du bist doch erst 14. Immer nur so dasitzen, mit geschlossenen Augen und der VR-Haube auf dem Kopf. Junge, lies doch mal ein Buch oder geh mal raus. Du kennst ja nicht einmal den Unterschied zwischen einem echten Baum und einem Holo.”

Bei dem Wort Junge setzte ich immer unwillkürlich die rote Haßmütze auf. Die hatten doch sowieso keine Ahnung. Nicht einen Straßenkampf mitgemacht. Nie einem die Knochen durchgewichst. Die verwesen ja schon innerlich und merken das noch nicht einmal.

Ich erwiderte unwillig: “In Gedanken ist alles erlaubt, was man in Wirklichkeit nicht darf.”

Es war aussichtslos, ihnen etwas erklären zu wollen. Ich ärgerte mich darüber, daß ich es überhaupt versuchte.

Der glatzköpfige, tyrannische Alien, mein engster Verwandter, ließ nicht locker. “Geh doch mal tanzen. In Deinem Alter hatte ich nur die Mädels im Kopf.”

Dieser hirnrissige Idiot. Die dummen Puten von der Schule. Was konnten die mir schon geben, wenn ich auf VR mit den heißesten Frauen zusammen sein konnte. Die hatten ja keine Ahnung. Ich zeigte ihnen einen Vogel, worauf die beiden Fremden sprachlos nach Luft schnappten. Die hatten das VR Phänomen noch überhaupt nicht begriffen.

Die ganze Diskussion kotzte mich sowieso an.

0. Wirklich?


Das helle Piepen und das rote Blinken am Rande meines Gesichtskreises empfand ich als störend.

Deshalb versuchte ich erst, es zu ignorieren.

Aber das Geräusch wurde lauter, das Blinken heller, und gleichzeitig verblaßte das Zimmer in den Farben.

Ich erinnerte mich. Für Notfälle hatte ich auf meiner Com-Unit ein Override hinterlassen, so daß die engsten Vertrauten mich auch hier herausholen konnten.

Bald war das Bild vom gemeinsamen Frühstück ganz verschwunden. Mit einem leichten Druck meiner Daumen konnte ich jetzt das Visier des VR-Helms öffnen.

Auf dem Monitor vor mir erschien die Mitteilung, daß eine Audio-Video-Nachricht in meiner Mailbox abgelegt wurde. Eine Berührung des ‘Info’-Buttons auf der Com-Unit verriet den Absender: es war mein Finanzberater.

Dem Betreff entnahm ich, daß meine Aktien wohl um 2,3% gefallen seien.

Glaubt der wirklich, mich würde das ernsthaft interessieren? Wenn ich mir eine solche VR-Anlage leisten kann, sehe ich das Jonglieren mit Aktien doch auch nur als Zeitvertreib, als ein Spiel in der Realität.

Ohne einen Blick auf die eigentliche Nachricht zu werfen, löschte ich sie. Gleichzeitig machte ich mir eine Notiz, bei nächster Gelegenheit meinen Finanzberater aus der Liste der Leute zu streichen, die mich während eines Trips stören durften.

Ärgerlich faltete ich die Com-Unit zusammen und wandte mich wieder der VR-Konsole zu.

Visier schließen, Befehl ‘Wiederaufnehmen’, ich wurde wieder zu dem Jugendlichen.

III. F15


Bevor sie mit ihrer üblichen Belehrungstirade loslegen konnten, warf ich mein Besteck in das Rührei, stand eiskalt auf, ging wortlos auf mein Zimmer.

Ich setzte die Haube auf. Ich hatte da noch eine Tauschkassette, die ich noch nicht kannte, einen Jägerkampf mit einer historischen F15, die gegen 4 MIG27 zu fliegen war.

Ich drehte die Kassette zwischen den Fingern. Das Titelbild war ein Holo von einem F15 Cockpit. Damals hatte man noch echt den Steuerknüppel zwischen den Fingern, da gab es noch keine direkte Geiststeuerung. Ich schob die Kassette in die VR-Konsole und stellte den Drehregler auf höchste Intensität.

Power ein. Ich ließ die beiden Triebwerksturbinen an. Die F15 ist völlig übermotorisiert, doppelt so viel Schub wie sie wiegt, dabei so wendig, daß die mühelos eine U-Kurve über einem Frühstücksteller ausführen könnte. Ich wußte auf einmal alles über sie. Mit traumwandlerischer Sicherheit flogen meine Finger über die Cockpitkontrollen: Landeklappen raus, Bremsen los, Schub. Der Andruck preßte mich in den G-Sitz. Nach 150m rasender Beschleunigung zog ich den Knüppel kräftig an mich, stellte sie auf den Feuerstrahl und hob sie senkrecht in den Himmel. Die G-Kräfte preßten mich in den Kontursitz, nahmen mir fast das Bewußtsein. Nur mit Mühe konnte ich unter den zentnerschweren Gewichten Luft holen.

Ich gab weiter rücksichtslos Vollgas, um Höhe zu gewinnen. Da waren sie, 4 Objekte auf dem Radar. Das Freund-Feind Erkennungssystem blinkte rot und gab ein warnendes Summen von sich.

Ich schaltete den Nachbrenner ein, zog in die Horizontale und eröffnete die Kampfhandlungen mit dem Abschuß zweier Phoenix-Lenkwaffen.

Das helle ‘Tideldideldi’ des Threat Systems stand im akustischen Gegensatz zu der dunklen, samtigen Frauenstimme, die mir ins Ohr hauchte: ‘Incoming’.

Okay, Chaff, Flares, ausbrechen nach links.


Das schnelle Gefechtsgeschehen überlagerte die Realität.


Zunehmend verschwanden Gedanken und Erinnerungen an mein wirkliches Leben aus dem Kopf. Nur noch wenige Augenblicke wird es dauern und mein Gehirn wird nicht mehr durch Nebensächlichkeiten abgelenkt werden. Innerlich freute ich mich darauf, die eine Realität zu verlassen, um vollends in die andere einzutauchen.

Wäre da nur nicht meine Frau, die mich sicher bald wieder zurückholen wird.





© Millenium Team


Antje Schulte amschu@gmx.net, http://go.to/Antje

Herlu herlu@aol.com, http://members.aol.com/herlu/home/index.htm

Michael Coslar mico@gmx.net, http://www.miconet.de

Peter Stadlmaier stadlmaier@comnex.net, http://www.comnex.net/stadlmaier/

Sven Daniels sven.daniels@post.rwth-aachen.de