Die Junggesellenmaschine
(Femina ex machina)
Schon seit zwei Monaten hatte ich hin und her überlegt.
Die Investition war doch für einen Mann von meinem Einkommen sehr kostspielig.
Aber auf der anderen Seite wiederum: Die Trennung von Silke, die ganze ekelhafte Art, wie diese Trennung zustande gekommen war, das war schon sehr schmerzhaft. Ich konnte wochenlang keinen Menschen sehen und habe immer nur geheult.
Und selbst danach blieb da dieses Vakuum.
Und dann habe ich irgendwann einmal den Rücken gerade gemacht, gesagt, was soll’s, habe diesen Kredit aufgenommen und der Fachfirma den Auftrag und meine Wohnungsschlüssel gegeben.
Und dann bin ich übers Wochenende zu Peter und Heinz gefahren, und wir haben einen zünftigen Männerabend gemacht, mit Skat, Stardiggers und viel Scotch.
Tja, und nun war ich auf dem Rückweg.
Ich war wirklich gespannt.
*
Mit fliegenden Fingern parkte ich den Wagen und eilte auf die Haustür zu.
Auf den ersten Blick war meine Wohnung unverändert.
Nur auf dem Wohnzimmertisch lagen eine Bedienungsanleitung und ein kleines Kästchen.
Im Grunde genommen war es ja nur eine VR-Vorrichtung mit ein paar Zusätzen (ganz speziellen Zusätzen, natürlich).
Die Fernbedienung hatte nur zwei Schalter, ich betätigte ‘Ein’.
Eine balinesiche Schönheit erschien, real, zum Anfassen.
Gleichzeitig ertönte dunkle Altstimme in meinem Kopf:
“Hallo Liebling, was sind deine Wünsche?”
“Was kannst Du?”
“Ich kann alles!”
Eine kleine Übertreibung. Kochen kann sie sicher nicht, aber dazu hab ich sie ja nicht gekauft.
Die eingebaute Help-Funktion war wirklich Klasse, mittels Spracheingabe und menügesteuert konnte ich mir meine Traumfrau zusammenstellen.
Natürlich begann ich mit dem Unterleib.
Hüften, nicht zu schmal.
So, Klasse.
Hinterteil, ich sagte gerne Heck dazu: Nicht zu mager, knackig eben, rund.
Oberschenkel: Nicht zu schmal.
Au weia, das war etwas zuviel, Gott sei Dank nimmt die Undo-Funktion bis zu 99 Schritte zurück. “Sportlich” sollte die richtige Einstellung sein. Klassegeläuf!
Das paßt jetzt so.
Die Brust! Könnte noch ein bißchen größer sein. Und fest. Zum Anhalten.
Eine Figur, schnittig wie eine Rennjacht!
Hautfarbe: Dezent gebräunt (Silke, dieser Grottenolm war immer so käsig weiß gewesen. Brrr!)
Haare: Pechschwarz, voll, glatt und schulterlang.
Augen: Azurblau (WOW! Ich könnte direkt versinken darin).
Sinnliche, volle Lippen, weiches, doch kraftvolles Kinn; hohe Stirn, kleine Ohren.
Oops, nicht zu klein. Knabbern muß man schon bequem dran können.
Ich machte sie intelligent! Aber nicht ZU intelligent, für philosophische Diskurse hab ich ja meinen alten Kumpel Norbert.
Und ich machte sie temperamentvoll.
Ich ließ den Entwurf vor meinem inneren Auge drehen, um sie in Ruhe von allen Seiten betrachten zu können.
Perfekt!
Der Opiumtraum eines Frauenliebhabers.
Als letzte Stufe der Konfiguration sollte ich ihr einen Namen geben.
Ich entschied mich für “Nicole”.
Niemals vorher hatte ich etwas mit einer Nicole gehabt.
*
Ich könnte stundenlang in ihren Armen liegen, und erzählen, und erzählen.
Sie war eine tolle Zuhörerin.
Silke war dagegen ein kalter Fisch. Meine Probleme hatten sie nie wirklich interessiert, aber Sie lag mir dauernd mit ihren Aktienkursen in den Ohren.
Nicole hingegen, verstand mich, ging auf mich ein.
Häufig meinte ich, sie hörte nicht nur die Worte die ich sprach, sondern konnte hinter meine Stirn blicken.
Aber, wir brauchten nicht immer zu reden. wir konnten auch schweigen, stundenlang, und uns tief in die Augen sehen, wunschloses, zeitloses, vollkommenes Glück.
Und wenn ich dann Lust bekam, sagte sie nie: “Ich habe Migräne”.
Der Sex mit ihr war nicht alles, aber der war schon Klasse.
Ich konnte alles mit ihr ausprobieren, was ich schon immer mit einer Frau machen wollte.
Und das war eine ganze Menge.
Und sie genoß es nicht nur passiv. Ihr ungezügeltes Temperament und ihr phantasievolles, neugieriges Wesen und ihre fordernde Art trieben mich immer weiter, stachelten mich auf, trieben mich immer wieder neu an die Grenze, bauten mich immer wieder auf, wenn ich erschöpft hechelnd neben ihr lag.
Sie gab mir das Gefühl, der beste Liebhaber der Welt zu sein. Und sie war für mich alles in einem, was ich mit dem Begriff Frau verband, Heilige und Hure, das versauteste Biest unter dem Himmel, gleichzeitig das zärtlichste, beschützendswerteste Wesen auf der Welt.
*
Wenn nur dieser verdammte Timer nicht wäre.
Nach 8 Stunden schaltet das Ding immer einfach ab.
“Zum Schutz des Benutzers” - So ein Quatsch!
Der Timer trieb mich regelmäßig bis an den Rand des Wahnsinns, so sauer wurde ich.
Das machte mich fertig. Ich wollte zurück zu Nicole.
Zum Glück war ich mit der Funktion von VR-Geräten halbwegs vertraut.
Außerdem gibt es ja noch das Internet.
Usenet, Hacker-Homepages. Na bitte, jede Menge Tips.
Ich holte meinen Werkzeugkasten und öffnete die Konsole.
Nach einigem Studium der Schaltpläne hatte ich das Aas.
Zwei Drähte abgeklemmt, den IC überbrückt, dann noch das Kamasutra-Update, welches ich bei meiner Internet-Suche gefunden und sogleich downgeloadet hatte, hineingespielt.
(Hm, eine Amateurarbeit. Kann mir kaum vorstellen, wie Nicole noch zu steigern ist. Aber, man soll ja alles ausprobieren..)
Neustart anordnen; halt! Vorher noch schnell einen Bissen von der kalten Pizza, und ab geht’s.
*
Der Leichnam war kein sonderlich erheiternder Anblick, aber das waren Leichen ja nie.
Dieser wirkte wie dehydriert, mit entrücktem Gesichtsausdruck, die offenen Augen selig in die Unendlichkeit, an die Decke gerichtet.
Major Fuchs schob seinen durchgekauten Zahnstocher von einem Mundwinkel in den anderen während er Dr. Schädels Analysen zuhörte (wirklich ein passender Name für eine forensische Pathologin).
“Er ist verdurstet. Und das schon vor etwa einem Monat. Die verdammte Maschine hat ihn so in ihren Bann gezogen, daß er ganz einfach alles andere vergessen hat. Harry sagt, der Typ hat die Sicherheitseinrichtung selbst außer Betrieb gesetzt. Hätte seine Ex-Frau nicht auf Unterhalt geklagt, hätte er noch ein paar Monate hier so gelegen.”
“Fremdverschulden kann also ausgeschlossen werden?”
“Eindeutig. Es ist nur die Frage, ob wir das als Selbstmord oder als Unfall betrachten sollen. Wenn da außer ihm selbst jemand Fremdes dran gedreht hat, dann ist dies der perfekte Mord. Und an den glaube ich nicht!”
*
Nachdenklich marschierte Fuchs durch den Nieselregen zurück zum Kommissariat.
“Armes Schwein” dachte er, “auf diese perverse Art zu krepieren.”
Andererseits war er aber auch ein Idiot, sowas zu machen, und zu faul, sich selbst wieder eine Beziehung aufzubauen.
Fuchs dachte an seine Frau und seine zwei Kinder.
Er lächelte bei dem Gedanken, daß sein Schatz heute morgen gemeint hatte, aller guten Dinge wären drei.
Von einem Moment auf den anderen verstarb sein Lächeln. An dieser Teufelsmaschine mußte ja etwas dran sein, bei dieser durchschlagenden Wirkung.
Bis zum endgültigen Schließen der Akte würde sie in die Asservatenkammer wandern. Eine nähere Untersuchung, natürlich aus rein beruflichem Interesse.
Er lächelte wieder.
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