10.12.2003 - Life Extension
Profitol
Da der Experte sich gerne mit hochtrabenden Fachausdrücken für einfachste Dinge oder Sachverhalte zu schmücken pflegt, ist u.a. der Ausdruck »Profitol« entstanden, für eine Substanz, die alleine dazu dient, dem Kunden Volumen vorzutäuschen, um Preis und Profit höher ansetzen zu können. Etwa bei Waschmitteln, die bis zu 50 Prozent aus reinen Füllstoffen bestehen, z.B. Natriumsulfat (Glaubersalz).
Wobei die Tücke wie üblich im Detail liegt: Egal welches Produkt man kauft, es steht immer drauf »5-15% anionische Tenside (Seife), 15-30% nichtionische Tenside«. Das lässt also offen, ob man nun 200 oder 450 Gramm dieser Fettlöser pro Kilo Waschmittel erhält. Oder anders herum formuliert: Manche Produkte muss man doppelt so hoch dosieren, um die gleiche Waschkraft zu bekommen nur erfährt man als Kunde leider nicht, welches Zeug wie stark wirkt Absicht?
Das Thema waren eigentlich Discount-Vitaminpräparate. Das Waschmittel-Beispiel habe ich vorangestellt, weil es halbwegs bekannt ist oder zumindest der praktischen Erfahrung entspricht: Eines wäscht, das andere nicht (und hinterlässt obendrein weiße Ekelsülze in der Kleidung). Nun, mit diesem Vitamin- und Spurenelement-Zeug ist das nicht anders.
Im Allgemeinen enthalten solche Tabletten »100%« einer nicht näher bezeichneten »empfohlenen Tagesdosis«. Über die Qualität der Inhaltsstoffe wird nichts gesagt; so können bestimmte Mineralsalze überhaupt nicht vom Körper aufgenommen werden egal, in der Tablette ist das Zeug dennoch drin und wird deklariert. Ok, kaufen wir also teurere Produkte von Markenherstellern, auf denen steht dann drauf » in physiologisch hochwertiger Darreichungsform«. Haben wir jetzt gewonnen?
Gewonnen hat, wie üblich, der Produzent. Wollen wir bitte bedenken, dass die Menschheit bis vor ein paar Jahren komplett ohne Nahrungsergänzungspräparate überleben konnte. Ab und zu etwas Grünzeug der Saison, und schon passt alles. Jedenfalls sofern man ansonsten gesund ist und sich nicht laufend Belastungen durch Stress und Giftstoffe aussetzt. Und genau da haben wir den Salat, bzw. den Anti-Salat, den Vitamin- und Mineralstoff-Räuber
Psycho-Stress ohne körperlichen Ausgleich, Konzentration in dauerverkrampfter Bewegungslosigkeit, Bildschirmarbeit mit Röntgenstrahlung und 70-100 mal Anblitzen pro Sekunde, Giftgas aus vollen Aschenbechern, Industriekaminen, Autoabgasanlagen und von der Ölherizung des Nachbarn, Allergene und Sporen aus Teppichböden und Raumklimatisierung, inhaltloser Hintergrund-Krach 24 Stunden täglich (nicht Wagner-, Disco- oder Technomusik macht krank, sondern Straßenlärm), 50-Hz-Wechselfeld der Stromversorgung überlagert mit gepulsten Gigahertz-Wellen aus dem Telefon ich breche die Liste hier einfach ab. Wir haben genügend Möglichkeiten, von unserer täglichen Umwelt krank zu werden. Allein Diagnose und Heilung sind problematisch, keiner weiß, was man gegen all diese wenig spezifischen Symptome tun soll. Und so verkauft man denn dem Hoffnung-Suchenden eben Nahrungsergänzungsprodukte, Wellness-Pulver, Diätwunder und Hormon-Jungbrunnen, je nach Restriktionsgrad der örtlichen Arzneimittelgesetzgebung.
Eines haben diese Produkte jedoch gemeinsam: Die enthaltenen Inhaltsstoffe entsprechen »100% der Empfehlungen der Nahrungsmittelbehörden« (welcher Institute? Auf was bezogen, Körpergewicht, Alter?) oder überzeugten »in wissenschaftlichen Tests«, sind »nach einer wissenschaftlichen Methode« gemixt oder »hochwirksam nach wissenschaftlichen Expertisen«. Lest bei der nächsten Spam-Attacke selber nach
Natürlich wäre es reine Unterstellung, zu behaupten, diese Gutachten und wissenschaftlichen Expertisen seien gekauft: Für das gleiche Geld kann man nämlich z.B. in den USA ein Institut aufmachen und solche Gutachten 100% legal selbst schreiben.
Wer ganz tapfer ist, soll sich mal durchlesen, was über seine Lieblings-Medikamente im Buch »Bittere Pillen« (Langbein, Martin, Weiss: Bittere Pillen. Nutzen und Risiken der Arzneimittel. Kiepenheuer & Witsch ISBN 3-462-03081-7, 29,90 €) steht.
Schon im 19. Jahrhundert hatte man den Verdacht, dass die Körperchemie einen Ansatzpunkt für Diagnose und Therapie gibt. So experimentierten Ärzte (Dr. Schüßler, ca. 1880, der mit der »Antlitzdiagnose«: man kann den Leuten bestimmte Krankheiten auch einfach ansehen) mit der Asche von Verstorbenen, analysierten den Mineralgehalt quantitativ und stellten einen Bezug zu Krankheitssymptomen her, heilten mit gezielter Gabe von Salzen. Das war den Kollegen natürlich zu einfach und zu profan. Sie verordneten lieber weiter, was sie gelernt hatten.
Wie auch immer, man hat diese Therapieform 100 Jahre später wieder ausgegraben und stellt verblüffende Erfolge gerade bei unseren wenig spezifischen Zivilisationsleiden fest mit einer Therapieform, die auf allerersten, marginalen Erkenntnissen über die menschliche Chemie beruht
Es muss ja nicht Schüßler sein. Auch andere Mediziner haben sich Gedanken gemacht, geben gezielt Mineral- und Vitaminpräparate gegen Mangelsymptome (die sowohl Ursache als auch Folge einer Krankheit sein können) und erreichen damit recht schnell deutliche Erfolge »gezielt« bitte nicht überlesen! Natürlich kommen hier Dosen zum Einsatz, die deutlich über dem »Tagesbedarf« liegen nach dem Motto: Hier ist ein Überangebot, jetzt kann nachgetankt werden. Entsprechende Präparate sind tatsächlich wirksam und somit apothekenpflichtig (dennoch pro mg Wirkstoff viel billiger als die Discount-Dinger!) und sollten von jemandem verabreicht werden, der weiß, was er tut.
Vergessen wir die Schönheits-, Gesundheits- und Wundermittel. Nepp. Wer gerne Brause trinkt, soll mal im Bioladen schauen, ob es nichts gibt ohne Süßstoffe, dafür vielleicht mit leckeren Pflanzenauszügen statt chemischem Zitrogeschmack. Ok, die sind auch teuer, aber man trinkt wenigstens keinen Industrie-Abfall.
Sollte das schon alles gewesen sein? Keine Fortschritte der Wissenschaft in Sachen Jungbrunnen? Nein. Es wird fleißig geforscht, in wie fern Genetik die Chancen auf hohes Alter trotz ungesunder Lebensweise und giftiger Umwelt begünstigt. Und die einschlägige Industrie sichert sich fleißig Patente aller Art. Wir werden es wohl noch erleben, dass sich Superreiche nicht nur Vorstandsposten und Präsidialämter, sondern auch genetisch begünstigte, besonders langlebige Kinder kaufen werden. Die dann, vielleicht in Kombination mit Mind-Control, die perfekt angepassten Roboter im Tausendjährigen Reich der Reichen spielen dürfen. Brave new world.
Solange wir Menschen nicht uns und unsere humanitären Werte zum Maß aller Dinge machen, sondern virtuelle Größen wie Geld oder »Sachzwänge«, wird mit jeder an sich fortschrittlichen und vielleicht wünschenswerten Erfindung nur kommerzieller Unfug getrieben werden, bei gleichzeitig nochmal stärkerer Ausbeutung der Anderen. Afrika ist nicht das »Armenhaus der Erde«, sondern der Prototyp der Gesellschaft im totalen »globalisierten« Kapitalismus.
JK
¹ bezeichnet externe links, auf deren inhalt wir keinen einfluss haben.