Go, das meditative Spiel, fristet in Europa gerade mal ein Schatten-Dasein.
Völlig zu unrecht
17.11.2008
Go ist einerseits meditativ, kann andererseits auch als
Freiluft-Event durchgehen. Nach einem Match sitzt oft die Frisur nicht mehr. Zu sehen: jk,
nicht zu sehen: herlu, der drückt gerade auf den Auslöser der VLC. Aber das
Bier Münchner Dunkel ist astrein; wenn schon, dann bitte auch
darauf achten! Die Spielsteine sind in diesem Fall billige, aber schöne Deko-Glas-Linsen
vom Resteladen in Jesolo, natürlich in weiß und blau gehalten. Das Brett ist so ein
mittelschönes Klappteil. Austragungsort: Olympiapark München.
Ein Brettspiel, das entfernt an Dame oder Mühle erinnert, jedenfalls auf den ersten Blick.
Zwei Spieler legen abwechselnd schwarze und weiße Steine auf die 361 Schnittpunkte der
19 horizontalen und vertikalen Linien des Bretts. Klingt ganz einfach. In Wirklichkeit ist das
Spiel anspruchsvoller als Schach und mindestens ebenso spannend. Ziel des Spiels ist,
möglichst große Gebiete des Spielbretts mit den eigenen Steinen zu umschließen.
Klingt auch ganz einfach. Allerdings führt der Gegner Ähnliches im Schilde
und dann wird's eben spannend. Sehr spannend.
Wie der Name schon verrät, stammt das Go-Spiel aus China. »Go« bedeutet »Land«, »Gebiet«. Chinesen sagt man nach, dass sie alles essen, was sich bewegt (yin) und alles, was sich nicht bewegt (yang). Falsch. Go-Steine isst man nicht. Es liegt allein am geringen Interesse Europas am Rest der Welt, wenn wir mit China nur Reis und Chop Suey assoziieren (dabei isst man in großen Teilen Chinas Nudeln aus Weizen, und Chop Suey ist eine Erfindung für Touristen). Zu Zeiten, als unsere Vorfahren noch in keinem historischen Dokument erwähnt waren, gab es in China bereits Mathematik, Geographie, Literatur und das Go-Spiel. Erst viel später kam Go nach Japan, wo es als Kunst zelebriert wird, mit Schüler- und Meistergraden (Kyu und Dan).
Go ist auch unter den Namen Wei Qi (China) und Baduk (Korea) bekannt.

Seit Kurzem haben japanische Kinder entdeckt, dass es Spiele gibt, für die man nicht dauernd Batterien, Zusatzmodule und Updates kaufen muss. Tamagotchi (»Gesundheit!« »Danke.«) endete schon lange auf dem Müll, die Pokémons liegen punktlos in der Ecke, und die Kids spielen Go. Wie ihre Opas, die schon immer wussten, dass dieser kurzlebige moderne Schmarrn langweilt. Go ist angesagt!
Die meisten Strategiespiele sind ziemlich öde, wenn die Gegner unterschiedlich spielstark sind.
Nicht Go. Hier bekommt der schwächere Spieler Vorgaben in Form von 1-9 schwarzen Spielsteinen, die bereits zu Beginn auf dem Brett liegen (auf den Markierungen in der Mitte und entlang der vierten und 16. Linie).
Anschließend ist der weiße Spieler am Zug.
Das erhöht die Chancen des schwächeren Spielers und auch der stärkere langweilt sich nicht, da er ja diesen Vorsprung aufholen muss.
In Japan gibt es einen Stein Vorgabe pro Rang 14. Kyu gegen 10. Kyu entspricht vier Vorgaben.
Die Regeln sind vergleichsweise einfach, eröffnen aber eine immense Anzahl möglicher Spielkonstellationen. Hier eine Kurzfassung nach dem japanischen Regelwerk (siehe »Links« bei »DGOB«):
Die Spieler setzen abwechselnd einen Spielstein auf einen unbesetzten Schnittpunkt (freien Punkt) der 19 horizontalen und vertikalen Linien des Spielbretts (also nicht in das umschlossene Quadrat). Die Steine werden nicht gezogen, können allerdings gefangen genommen werden. Gefangene Steine zahlen am Spielende als Minuspunkte für den ursprünglichen Eigentümer.
Der
schwarze Stein [li.] hat nur eine »Freiheit«, also nur eine freie und nicht von
gegnerischen Spielsteinen direkt umschlossene Nachbar-Position. Ist weiß am Zug, und setzt
auf die gestrichelte Position, dann wird der schwarze Stein gefangen. Ist schwarz am Zug, und
setzt einen Stein dorthin, entsteht eine Zweierkette mit drei Freiheiten (oben,
unten, rechts). Das Prinzip der »Freiheiten« ist wichtig; aber das lernt man
schnell.
Es kommt also immer darauf an, wer für seinen Plan »einen Spielzug voraus« ist. Um so mehr, als wie hier zu sehen, weiß mit einem Zug schlagen kann, aber wenn erst mal schwarz dran ist, dafür drei Spielzüge bräuchte.
Unter einer »Kette« versteht man durch die Linien des Spielfelds verbundene direkt benachbarte Steine (geradelinig oder rechtwinklig abgeknickt). Diagonal benachbarte Steine stellen keine Kette dar.
Steine, Ketten sowie Gruppen aus Steinen und Ketten bleiben auf dem Spielfeld, so lange sie über mindestens einen benachbarten freien Punkt (mindestens eine »Freiheit«) verfügen. Daraus ergibt sich, dass »lebende« (nicht einnehmbare) Gebilde, zwei voneinander getrennte Freiheiten aufweisen müssen (sonst könnte sie der Gegner ja umihre Freiheit berauben, ohne dass man darauf mit dem Schlagen des gegnerischen Steins antworten könnte).
Eine Kette kann nur komplett gefangen genommen werden. Auch wenn mehrere Ketten eine Gruppe bilden, die ein Gebiet umschließt, kann jede dieser Ketten einzeln für sich gefangen genommen werden.
Auf den
ersten Blick scheint für Weiß die gestrichelte Position [re.] verboten
doch dadurch, dass Weiß damit die angrenzenden Steine (alle vier, da sie
ja eine Kette bilden) gefangen nimmt, hat der weiße Stein anschließend zwei
Freiheiten (nach unten und nach rechts).
Der Spieler darf nur dann setzen, wenn der gesetzte Stein mindestens eine Freiheit besitzt, also nicht auf einen bereits vollständig von direkt benachbarten Steinen umschlossenen Punkt. Das gilt allerdings dann nicht, wenn durch den Zug benachbarte Steine gefangen genommen werden und dadurch wieder Freiheiten entstehen.
Spielzüge, bei denen durch abwechselnde Gefangennahme sich wieder die gleiche Konstellation ergeben würde, sind nicht erlaubt. Man nennt sie »Ko« (jap. »Kind«).
Eine der kleinsten möglichen lebenden Gruppen [li.]: Weiß kann in keines der
eingeschlossenen Gebiete (gestrichelte Positionen) dieser Kette setzen.
Insofern ist jeder Versuch, diese Struktur zu umzingeln, sinnlos.
Die Spieler versuchen, ihre Steine so zu legen, dass sich Gebiete ergeben, die von lebenden (also nicht vom Gegner schlagbaren) Gruppen eigener Steinen vollständig umschlossen sind. Dabei muss der Spielfeldrand nicht besetzt werden. Die freien Punkte dieser Gebiete zählen am Spielende als Pluspunkte (Augenpunkte) nicht aber die Positionen, die durch Steine besetzt sind. Freie Punkte, die von keinem Spieler umschlossen sind (z.B. solche zwischen schwarzen und weißen Spielsteinen), sind neutral, zählen für keinen der Spieler.
Die
gestrichelte Position [re.] zwischen der schwarzen und der weißen Kette ist von keiner Farbe
vollständig umschlossen und gilt somit als neutraler Punkt. Ihn zu besetzen, wäre
für keinen der beiden Spieler sinnvoll, da besetzte Positionen nicht als Augenpunkte
zählen.
Ein Spieler kann passen, wenn er keinen sinnvollen Zug mehr sieht. Passen beide Spieler nacheinander, wird das Spiel angehalten. Dann einigen sich die Spieler, welche Gruppen als lebend oder tot zu betrachten sind. Damit endet das Spiel, außer ein Spieler verlangt Wiederaufnahme, und der Gegner willigt ein. Nach Spielende zählen die Spieler ihre Augenpunkte und ziehen davon die Anzahl der durch Gefangennahme verlorenen Steine ab. Der Spieler mit der höheren Punktzahl gewinnt.
Das Spiel kann auch durch Aufgabe eines Spielers (oder Disqualifikation durch den Schiedsrichter wegen Regelverstoßes im Turnier Steine essen, fluchen) beendet werden. Können sich die Spieler nicht über Ende oder Wiederaufnahme einigen, so haben beide verloren. Lediglich im sehr unwahrscheinlichen Fall, dass sich die gesamte Spielkonstellation wiederholt, endet die Partie unentschieden.
Aus diesen wenigen Regeln ergeben sich dennoch ziemlich knifflige Fragen. Man sollte sich nicht grämen, wenn man nicht gleich auf alle Fragen eine Antwort hat.
Am 17.11.2008 kam Feedback es gibt ein »Tastenaffe-gegen-PC«-Go unter Linux. Auch dafür gilt die Einschränkung zur Spielstärke (s. bei Dos/Windows), und dass man sich nicht unbedingt die Spielfehler eines Simulators abschauen sollte. Vielen Dank für den Tipp an Andi E.!
Für Windows ab 98, auch für Dos, gibt es ein paar ganz nette Simulatoren wenngleich mit kleinen Abstrichen:
Natürlich kann der PC weder die Einführung in das Spiel durch einen erfahreneren Spieler ersetzen, noch die Kommunikation der Spieler untereinander; so kann man doch sehr gut am PC üben. Die Programme haben Fehler und spielen nicht gerade großmeisterlich. Aber das macht sie menschlich. Es gibt eine Reihe von Freeware-Spielprogrammen, hier könnt ihr euch eines für Dos herunterladen und eines für Windows. Das Windows-Spiel beinhaltet eine Spielanleitung, die ihr auch einzeln haben könnt. Die Dateien sind gepackt als ».zip«. Auspacken könnt ihr sie z.B. mit Pkunzip unter Dos oder in einem Dos-Fenster, falls ihr noch keinen Entpacker besitzen solltet.
Übrigens kostet ein funktionierendes altes Not-Book (z.B. Thinkpad) weniger als ein halbwegs schönes Go-Brett
Es gibt mengenweise Go-Varianten, mit denen man online gegen zufällig anwesende Gegner spielen kann. Hier hilft die Suchmaschine.
Es gibt mengenweise Seiten über Go. Deshalb hier nur drei Links:
jk