Ich erwache durch einen schmerzhaften Hustenanfall. Ich keuche und würge, Ich schlage die Augen auf. Kates besorgter Blick ist auf mich gerichtet. Ich will mich aufrichten, doch sie drückt mich wieder zurück in die Kissen. Da ist irgend etwas Wichtiges gewesen. Ich versuche, den Kopf klar zu bekommen. Die Sauferei. Die Schmerzen in der Brust. Der Husten hilft auch nicht gerade. Ich richte mich auf, auf die Kommode gestützt. Verdammte Schmerzen. Mein Blick fällt auf die Brandyflasche. Ich greife nach ihr. Es geht alles sehr langsam. Kate fällt mir in den Arm. Ich mache mich von ihr frei und wanke, auf den Bettpfosten gestützt, zum Fenster. Es ist schon hell. Irgendwer war letzte Nacht hier. Wer? Wyatt. Langsam kommen die Erinnerungen wieder. Jonny Ringo, das Schwein. Wyatt wollte .meine Hilfe. Ein neuer Hustenanfall schüttelt mich. Diese Schmerzen. Ich weiß nicht, wie lange das so weitergehen kann. Kate sagt etwas. Verdammt, ich kann nichts verstehen. Sprich doch lauter! Ich merke wie meine Beine nachgeben. Scheiße! Ich liege auf dem Boden vor dem Bett. Wyatt. Jonny Ringo. Kate. Ich ziehe mich am Bett hoch. Brandy, ich brauche einen Brandy! Jonny Ringo und die Clantons. Verdammt, ich muß zu Wyatt. O.K., Kate, halt die Schnauze. Ich blicke auf meine Digitaluhr¼
"Der Erleuchtung ist es egal, wie Du sie erlangst."
(N.N.)
Ein leises, subtil aufdringliches Pfeifen weckte Wizard, gleich darauf sagte eine erstaunlich gut modulierte Maschinenstimme: "Es ist genau 7 Uhr 29 Minuten." Als der Wizard auf den Unterbrechungsknopf drückt, sprangen die Nachrichten an, und der Zimmerautomat servierte ihm einen dampfenden Kaffee.
(Merkwürdig, dieser Traum! War das nun ein Alptraum oder ein Karmaflash? So lebhaft habe ich selten geträumt.) Wizard schob den Gedanken beiseite, trank einen Schluck Kaffee und konzentrierte sich auf die Nachrichten.
*
Seit etwa drei Stunden, seit 10.00 Uhr, saßen die vier leitenden Köpfe der 'O'Neill' in MacIntoshs Büro. Per Laser bestand eine Bildverbindung zum Katapult. MacIntosh und die Afrikanerin Maria Camero, Abgesandte der 'Rainbow' Gruppe Terra, tranken Kaffee. Derweil stritten Joan und der Wizard mit Piet Dankert darüber, was man in bezug auf die von Hendersons Leuten besetzte Raumstation 'Circumterra' unternehmen sollte. Seit die Verschwörer das Labor auf L5 übernommen hatten, war die 'Circumterra' Hendersons letzte Reserve, aber gleichzeitig auch seine verwundbarste Stelle.
"¼ müßte man das ganze Ding in die Luft jagen," sagte Piet gerade. "Der Nachschub des Unsterblichkeitsmittels ist für Henderson von entscheidender Bedeutung."
Der Wizard hatte sich in nachdenkliches Schweigen gehüllt. "Aber wie wollen Sie das denn machen? Wir haben doch gar keine Waffen." Joan blickte sich hilflos um: "Sagt Ihr doch auch mal was," bat sie die anderen.
Nach der kurzen Übertragungspause meldete sich Dankert wieder zu Wort: "Das wäre weiter kein Problem. Wir haben hier einen Mann, der aus angereichertem Uran von unserem Reaktor einen Sprengkopf mit einer Explosivkraft von 50 Kilotonnen gebaut hat. Das einzige Problem, das wir haben, ist die Steuerelektronik."
"Das Problem ist lösbar," erklärte MacIntosh. "Ich nehme doch an, daß Joan uns da etwas zusammenstricken kann." Joan nickte zustimmend.
"Also," fuhr MacIntosh fort, "als Transportmittel nehmen wir einen Raumschlepper, rüsten ihn mit zusätzlichen Treibstofftanks aus; dann sollte er in der Lage sein, den Sprengstoff und die Elektronik in den 200km-Orbit zu tragen. Schließlich geht es ja die ganze Zeit 'bergab'."
"Ich halte das für einen Fehler," sagte Wizard, "jede Gewalt, die wir gegen andere richten, erzeugt als Reaktion Gewalt gegen uns. Denkt an die Worte 'don't push the river'. Laßt die Dinge fließen und wartet ab."
Mit dieser Auffassung stieß er auf erbitterten Widerstand. Maria war die Erste, die ihm antwortete. "Sollen wir etwa warten, bis sie uns abschießen? Was sagt denn Ihr verschissenes Karma zu dem mißglückten Attentat auf Henderson. Das Schwein benimmt sich nicht nur wie Hitler, sondern er hat auch so viel Glück."
Auch Joan reagierte ängstlich: "Hast Du vergessen, daß sein Spion schon hier oben in unserer eigenen Organisation saß? Wenn Du nicht hier gewesen wärst, wären wir schon alle in Hendersons Hand. Von uns hätte keiner diesen Kerl stoppen können." MacIntosh verzog in Erinnerung an seine Rolle bei dem Kampf vor Schmerz das Gesicht und stimmte Joan mit einem vorsichtigen Kopfnicken zu.
"Aber genau das bestätigt doch meine Meinung," erwiderte der Wizard. "Es gibt keine solchen Zufälle! Also war es Karma, daß ich in diesem Moment zur Stelle war. Die Gewalt, die Henderson durch Norris gegen uns einsetzte, fiel auf ihn selbst zurück."
Während er noch argumentierte spürte der Wizard, daß er allein stand mit seiner Meinung. Wilson forderte schließlich laut eine Abstimmung, und vier stimmten für den Angriff. Der Mystiker war enttäuscht und machte daraus kein Hehl. Er stand bis zuletzt stoisch zu seiner ablehnenden Haltung. Doch der Fluß war schon zu einem reißenden Strom angewachsen, und nichts und niemand konnte die Ereignisse jetzt noch aufhalten.
*
Neill Waters galt als einer der geschicktesten Piloten der Schlepperflotte. Er saß alleine in seinem Spacetruck im Mondorbit. MacIntosh hatte ihm die Aufgabe genau erklärt. Die Worte klangen noch in seinem Ohr. "Ein ganz normaler Job, im Prinzip. Nur wirst Du eine Atombombe bergen und keinen Behälter mit Mondgestein."
Er wollte die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen und versuchte verbissen, seine Angst zu unterdrücken. Immer wieder sagte er sich, daß alles nur ein ganz normaler Job wäre, aber auch das half nicht viel.
Sein Blick war starr auf das Radar gerichtet. Da! Jetzt sah er einen blinkenden Punkt! Schräg vor ihm. Er hatte einen nahezu idealen Anflugwinkel.
Plötzlich wurde er sehr ruhig. Die Routine gewann die Oberhand. Seine Finger flogen virtuos über die Instrumente. Er wirkte in diesem Augenblick wie ein Konzertpianist. Erst nach Abschluß der Mission wurde ihm wieder bewußt, was er da hereingeholt hatte.
*
Am nächsten Morgen trafen sie sich alle wieder in MacIntoshs Büro. Joan sah total übernächtigt aus, doch sie legte triumphierend das Programm für die Steuerelektronik, ein ROM-Chip, und einige Computerplatinen mit markanten frischen Lötstellen auf den Tisch.
"Ich habe einfach ein Steuerprogramm für Materialtransporter abgeändert. Für unsere Zwecke reicht das vollkommen. Hannes und Ron haben mir dabei geholfen."
MacIntosh nickte und wandte sich an die Mitverschwörer vom Mond, "Also, Alan, schicken wir das Baby auf die Reise!"
Wilson stimmte seufzend zu: "Es muß sein, schickt sie ab!"
Joan hastete los, um die Teile mit Hilfe der beiden Techniker einzubauen.
Wizard stand abseits von den anderen an der Wand. Er war nach wie vor dagegen, doch unternahm er keinen Versuch mehr, sie davon abzubringen. Er wußte, daß es sinnlos war. MacIntoshs Finger tanzten über die Tastatur und stellten die Verbindung zum Steuercomputer des Schleppers her. Dann passierte es: Auf dem Monitor sahen sie, wie sich das unförmige Fluggerät in Bewegung setzte. Erst langsam, dann immer schneller werdend, entfernte sich das tödliche Geschoß in Richtung Circumterra.
*
Mehrere Stunden später saß Maria vor dem Flugverfolgungsradar und beobachtete die Flugbahn der Angriffsrakete. Die anderen standen hinter ihr und starrten wie gebannt auf den Schirm. Alles war bisher planmäßig verlaufen. Dann plötzlich, ca. 100 km vor dem Aufschlag, verschwand das Ortungssignal spurlos vom Schirm. Verblüffung breitete sich unter den Beobachtern aus. "Verdammt, was ist da passiert?" fragte Maria. Wizard stieß sich von der Wand ab, an der er lehnte, und schlenderte lässig zu ihnen herüber. "Ich glaube, ich weiß was los ist. Die Circumterra ist fest in Hendersons Händen. Unsere Angriffsrakete wurde zerstrahlt. Also hat Henderson offenbar die US-Orbitallaser übernommen und gegen uns eingesetzt."
*
Wizard lag in seinem Zimmer auf der Koje, und bemühte sich Ruhe zu finden. Die letzten Tage hatten viel Energie gekostet, und jetzt wollte er auftanken. Ein lautes Klopfen an der Tür unterbrach jäh seine Meditationsbemühungen. Verärgert stand er auf und öffnete die Tür. Maria kam hereingestürmt, in der Hand einen Computerausdruck.
"Sie kommen, Wizard, sie kommen! Garfield hat es geschafft! Es kommen vier Mystiker mit ihren Meisterschülern."
Wizard sah sie an, und verstand überhaupt nichts. "Was ist los? Wer kommt? Garfield?"
Maria holte tief Luft und wollte gerade noch einmal beginnen, als Wizards Terminal sich mit einem Pfeifton meldete. Er drückte auf den entsprechenden Knopf, und die Ankunftszeit und die Namen der vier Männer erschienen auf dem Schirm.
ETA 11.34h Ortszeit.
*
Der Transport der Mystiker und ihrer Schüler vom Sammelpunkt Pokhara, Nepal zur L5 war eine anstrengende und teilweise lebensgefährliche Angelegenheit.
Da auf Hendersons Betreiben die Sicherheitsvorkehrungen in den westlichen und sowjetischen Raumhäfen drastisch verschärft worden waren, blieb der Gruppe nur der Umweg über das chinesische Raumfahrtzentrum Sinkiang, in dem glücklicherweise eine blühende 'Rainbow' Zelle arbeitete, um unbemerkt die Erde zu verlassen.
Von Nepal aus fuhr die Gruppe mit Lastwagen über nicht ausgebaute, gefährlich holprige Serpentinen.
Bei einer vom Monsunregen weggeschwemmten Brücke verloren sie die Fahrzeuge.
Sie überquerten die Schlucht auf einer bedrohlich schwankenden Hängebrücke aus Hanfseilen und glitschigen Brettern. Danach marschierte der Trupp.
Mehrmals mußten sie unter Lebensgefahr vom Monsun ausgelöste Gerölllawinen überqueren. Glücklicherweise schützten die gleichen Wolken, aus denen der gefährliche Regen fiel, sie vor Hendersons Satellitenaugen.
Der Übertritt von einem Machtbereich in den anderen erfolgte so zwar strapaziös aber von jeglicher Behörde dieser Erde unbemerkt. In irgendeinem namenlosen Tal gab es eine Busverbindung nach Lhasa, und der Bus kam schon nach einem Tag.
In Lhasa konnten sie glücklich Kontakt zu einem Rainbowmann herstellen, der für den Rotchinesischen Geheimdienst arbeitete.
Mit gefälschten Papieren und unter der ständigen Gefahr, von der chinesischen Abwehr enttarnt zu werden und in einem Gefangenenlager zu verschwinden, transportierte dieser Rainbowmann die exotische Gruppe in einer Militärmaschine zu dem Raumfahrtzentrum Sinkiang.
Dort war alles von langer Hand vorbereitet, und der Start erfolgte innerhalb von 18 Stunden.
Dann begann eine andere Art von Schwierigkeiten.
Die chinesische Raumfähre konnte maximal einen 400 km Orbit erreichen, und der Versuch, dort die Gruppe mit einem umgebauten Raumschlepper von der L5 zu übernehmen, kam im Zeitalter der lückenlosen Überwachung des erdnahen Raumes und der drohenden Kriegsgefahr einem Himmelfahrtskommando gleich.
Es schien eine höhere Macht ihre Finger im Spiel zu haben, Das Umschiffen ging zügig und glatt vonstatten, und der Raumschlepper trat den Rückweg zur 'O'Neill' an, ohne daß jemand auf ihre Anwesenheit im Orbit reagiert hätte.
*
(Sie kommen. Garfield hat es wirklich geschafft. Die Schüler werden die Ausbildung der Siedler übernehmen, und die Mystiker werden mich unterstützen in dem Bemühen, die Magie sinnvoll einzusetzen. Das macht mir Mut.
Wir werden einen schallgedämpften Arbeitsraum brauchen. Mac soll dafür sorgen. Jetzt können wir es schaffen.)
Die Nachricht, daß eine schweizerische Front von Rainbow eine vermehrungsfähige Probe des MBDV Virus erbeutet hatte, erreichte den Führungsrat der Spacer in einer Sitzungspause.
Wenige Sekunden später traf die Nachricht ein, daß das Team, welches die Kolonisten in Nordamerika abgesetzt hatten, aufgerieben worden war.
*
Kurz vor dem Abschuß der Raumfähre über Michigan wirkten die Gesichter der fünf jungen Männer in der Überlebenskapsel angespannt. Die Luftabwehr Nordamerikas war die beste der Welt, und der Erfolg des Unternehmens war eine Frage des Timing.
Als die Sensoren die Änderung der Radarfrequenzen registrierten, die auf eine einfliegende Abwehrrakete hindeuteten, öffnete sich die Ladeluke.
Ein Federmechanismus beförderte die Rettungskapsel hinaus. Der Luftwiderstand der obersten Luftschichten bremste sie ab. Da sie aus einem nichtmetallischen Kunststoff bestand, konnte sie auf keinem Radarschirm gesehen werden.
Als der Luftwiderstand größer wurde, löste sich der schützende Kunststoffkokon um die Männer Molekül für Molekül ab, den Fall bremsend und die Reibungshitze in die umgebende Luft verteilend.
Die Raumfähre weit über ihnen verging im Feuerball einer Abwehrrakete, als sich in nur noch vier Kilometer Höhe die Kunststoffhülle vollends auflöste und die Männer der Landungsmannschaft ihre Spezialfallschirme auslösten.
Über dem Dunkel der menschenleeren Wälder schwebten sie lautlos hinab.
Die Landung verlief erfolgreich. Sie lösten die Fallschirmseide mit einer speziellen Säure auf und vergruben die Metallteile ihrer Ausrüstung.
Nach zwei Tagen angestrengten Fußmarsches erreichten sie ein Telefon. Nach dem Kontakt mit ihrer Anlaufstelle in Coldwater, Michigan, wußte auch die Gegenseite von ihrer Existenz.
Drei Stunden später wurden sie überfallartig von einer Hubschrauber-Landetruppe mit großen Schäferhunden und schweren Waffen angegriffen.
Man ließ ihnen keine Chance, aber alle konnten rechtzeitig ihre Selbstmordkapseln zerbeißen.
*
Joan saß seit Stunden vor ihrem Terminal. Sie versuchte mit ihrem COTCOM-Programm herauszufinden, wie Henderson seine Bugs in den Orbitallasern gesichert hatte. Am Vormittag hatte sie die neuesten, von den Hackern entdeckten, Codeworte eingegeben. Gespannt verfolgte sie das Programm. Plötzlich erschien eine Botschaft auf dem Schirm:
"An die Saboteure auf L5
Ihr werdet hier nicht eindringen können. Gebt Euren Widerstand auf. Ich erwarte bis morgen, 2.00h GMT Eure bedingungslose Kapitulation. Anderenfalls werde ich die 'O'Neill' mit den Gammastrahlern vernichten. Julian Henderson"
Joan saß wie versteinert auf ihrem Stuhl. (Das ist das Ende. Wir haben keine Waffen und keinen Schutz vor den seinen. Haben wir jetzt ausgeträumt?)
Allen war klar, daß es keine Gegenwehr geben konnte.
Die Meldung löste Panik in der Führung aus. In einer chaotischen Sitzung wurde gegen Wizards und Joans Stimme die Evakuierung der 'O'Neill'-Besatzung zum Mond beschlossen.
"Every man and woman is a star."
(Crowley)
"Also, bye, bye, Darling, vielen Dank für alles, und laß von Dir hören, wenn Du Dich wieder mal einsam fühlst. Wir helfen Dir gern."
"Und wie gern." Die beiden Frauen nahmen die Geldscheine vom Tisch und stopften sie in ihre Handtaschen. Sie winkten ihm noch einmal zu und schlossen dann die Tür des Hotelzimmers hinter sich. Mufti grunzte zufrieden und kuschelte sich tiefer in sein Bett. (Die beiden waren Spitze. Ich sollte das öfter machen; schließlich kann ich es mir leisten. Eigentlich bin ich es meiner Stellung sogar schuldig, mir mindestens eine Geliebte zu halten. Bah, zwei unterstreichen mein Image als dynamischer Mann.) Mitten in seine Heldenträume hinein drang ein Klopfen von der Tür. Mufti saß sofort kerzengerade in seinem Bett. (Wer kann das sein? Außer Matthau weiß doch keiner, wo ich bin. Ich habe auch noch drei, nein sogar vier freie Tage.) "Wer ist dort," rief er unsicher in den Raum hinein.
"Ein Kuvert von der 'United Telecorporation', Sir! Ich brauche eine Quittung. Tut mir leid, Sir, wenn ich Ihnen Ungelegenheiten bereite, Sir!" Mufti stieg, vor sich hinfluchend, aus dem Bett. "Schon gut, ich komme," rief er unwirsch in Richtung seines unsichtbaren Gesprächspartners. Er zog einen Bademantel über und öffnete die Tür.
Was dann geschah, passierte so schnell, daß er sich später nie mehr genau daran erinnern konnte. Er öffnete die Tür und sah einen Hotelpagen vor sich. Dieser hielt ihm einen Umschlag entgegen. Als er danach greifen wollte, hörte er ein feines Zischen, und dann schien die Wolle des Bademantels am linken Arm zu pieksen. Und schlagartig war alles dunkel.
*
Das nächste, was er wahrnahm, waren die Worte: "Verdammte Scheiße, die Drogen sind so wirkungsvoll wie Wasser. Was sollen wir mit dem Scheißer machen? Ihn umlegen?"
Mufti begann, wenn auch nur langsam, zu begreifen, daß er auf einem Tisch lag, und festgeschnallt war. Er bemerkte den typischen Geruch von Desinfektionsmitteln, und langsam begriff er auch, daß er der 'Scheißer' war.
Angst keimte in ihm auf, und sein Bewußtsein zerstob in alle Richtungen. (Wo bin ich? Warum kommt Strauch nicht und holt mich hier weg? Wer sind die? Au, Scheiße, die wollen mich umbringen. Die dürfen das doch gar nicht. He, die wissen wohl nicht, wer ich bin? Verdammt, Strauch soll mich jetzt gefälligst hier rausholen, sofort!)
"Ich glaube, unser Freund hier kommt wieder zu uns zurück!" Mufti konnte immer noch nichts sehen, obwohl seine Augen nicht verschlossen waren. Die Stimme war die gleiche, die gefragt hatte, ob man ihn umlegen sollte. Jetzt sprach der Kerl ihn direkt an.
"Na, Mufti, wie geht es Dir? Wir möchten Dich bitten, uns einige Deiner ZBV Codes mitzuteilen. Weißt Du, wir wollen nämlich einige Änderungen in Hendersons großen Plan eingeben und wissen leider nicht, wie wir in sein System eindringen können. Auch wenn Du auf 'Reine Wahrheit' nicht reagierst, wir haben hier viele nette Spielzeuge; Spielzeuge für Deine Nägel, Deine Zähne und vor allem für Deine Geschlechtsteile. Nun, bist uns doch sicher gern behilflich?"
Die Panik erreichte jetzt sein Sprachzentrum: "Laßt mich raus hier, sofort! Ich bring Euch alle um, Ihr Schweine. Strauch wird es Euch schon zeigen. Laßt mich so¼ " Muftis Geschrei wurde durch einen harten Schlag auf den Mund unterbrochen. Der Schock lähmte seinen Körper. (Sie bringen mich tatsächlich um. Mein Gott, sie werden mich erschlagen.) Seine Angst brach sich Bahn in einem einzigen Schrei: "NEEEIIIN!!!"
Die Anwesenden zuckten zusammen. So einen schnellen Zusammenbruch hatten sie noch nie erlebt, und sie waren altgediente Folterknechte im Dienste immer wechselnder Auftraggeber!
Nein, bitte nicht totschlagen, macht es kurz, bitte, bitte. Ich will ja tun, was ihr wollt. Aber bitte, nicht mehr schlagen."
Die Menschen in dem Raum sahen sich betroffen an. Dann stellten sie sehr präzise Fragen an Mufti, der sich um genauso präzise Antworten bemühte. Später hatte er auch an diesen Teil seines Alptraums nur eine verschwommene Erinnerung.
*
Mufti fühlte sich wie ausgekotzt, Er wußte weder wo er war, noch wie lange er sich in der Gewalt seiner Widersacher befunden hatte. Doch sein Geist analysierte schon die Situation. (Ich liege hier schon eine Weile. Die Gangster sind bestimmt schon in Hendersons Comnetz. Ich muß so schnell wie möglich verschwinden.)
In seinem Kopf nahmen die ersten Fluchtpläne Gestalt an.
*
"Dieser Großkopf weiß zu viel. Und außerdem ist er feige." Henderson schrie fast vor Wut. "Unempfindlichkeit gegenüber Wahrheitsdrogen oder nicht, dieser Kerl hat ausgepackt; wahrscheinlich brauchte es nicht einmal eine Ohrfeige, um ihn zu überreden."
Strauch beobachtete den tobenden Henderson ruhig und ohne eine Miene zu verziehen.
"Finden Sie ihn, Strauch, finden Sie und neutralisieren Sie ihn!" Strauch nickte wortlos und verließ den Raum.
*
Er lag in einem mit stinkendem Unrat übersäten Hof. Sein ganzer Körper schmerzte, obwohl nicht einmal ein blauer Fleck zu sehen war. (Verdammt ist das hier dunkel. Was ist mit meinen Augen los?) Millimeterweise drehte er seinen Kopf nach rechts, was ihm sofort einen heftigen Schwindelanfall bescherte. Als er wieder klar sehen konnte, bemerkte er, daß auf der Straße vor der Hofeinfahrt das gedämpfte Zwielicht der Dämmerung herrschte. Durch einen mühseligen Blick auf seine Digitaluhr stellte er fest, daß es kurz vor sieben Uhr morgens war. (Donnerstag der achte, also war ich einen Tag aus dem Verkehr. Dann sind Hendersons Killer schon auf meiner Spur.)
Begleitet von viel Stöhnen und Fluchen brachte Mufti sich vorsichtig in eine aufrecht sitzende Stellung und lehnte sich dann angestrengt nach Luft schnappend mit dem Rücken an eine Hauswand. Er durchsuchte seine Kleidung und fand seine Brieftasche. Mit zitternden Händen wühlte er darin herum und breitete den Inhalt vor sich auf dem Boden aus. (Mein Reisepaß, Kreditkarten, mein B-Ausweis; was der wohl noch wert ist? Bargeld, Führerschein, Adreßbuch und ein Scheckbuch. Was kann ich damit anfangen? Das Bargeld, das sind eins, zwei, drei¼ fünfhundert $ und ein paar zerquetschte. Hmm, zu wenig, aber es hilft erst mal.) Er lehnte seinen Kopf zurück und überlegte. (Erst muß ich mal feststellen wo ich bin, dann werde ich weitersehen.)
Vorsichtig versuchte er, aufzustehen. Nach dem fünften Versuch hatte er es geschafft. Er stützte sich an der Hauswand ab und wartete darauf, daß der Schmerz nachließ. Er sah sich um und ging dann auf wackeligen Beinen zur Straße. Einige Schritte rechts von ihm sah er einen Drugstore der schon geöffnet hatte. Er ging hinein, bestellte einen Kaffee und Schmerztabletten und nahm sich eine Zeitung.
Der Mann mit der weißen Schürze stellte die gewünschten Tabletten und den Kaffee vor Mufti auf den Tresen.
"Ärger gehabt," fragte er teilnahmsvoll.
Mufti wiegelte ab: "Die Weiber, der Suff, naja, es war wohl zu viel Suff." (Bloß kein Aufsehen erregen.) Der andere nickte verständnisvoll. Mufti hakte nach: "Mensch, hab ich einen Schädel. Ich weiß nicht einmal genau, wo ich hier bin."
Der Verkäufer kicherte gehässig und erwiderte: "In Coldwater, Michigan, Mr., wo kommen Sie denn her?"
Mufti sah ihn gequält an und sagte: "Coldwater? Ich bin aus Detroit, wie zum Teufel bin ich hier bloß hergekommen? Das sind doch eine ganze Menge Meilen bis Detroit."
"Klar, ungefähr 300," sagte sein Gegenüber schadenfroh, "Da müssen Sie ja ein ganz schön schwarzes Loch in ihrem Gedächtnis haben."
Mufti knurrte vor sich hin und legte das Geld für Kaffee, Tabletten und Zeitung neben seine Tasse auf den Tresen. Dann fragte er nach der nächsten Scherz-Filiale.
"Zwei Blocks die Straße 'rauf und dann rechts 'rein. Sie können es gar nicht verfehlen." Mufti bedankte sich und verließ den Laden. Er hatte einige der Tabletten gleich geschluckt, und sie begannen langsam zu wirken. Der Mann im Drugstore hatte Recht: Als er an der angegebenen Kreuzung nach rechts ging, fiel ihm sofort das Reklameschild auf. Er mietete einen .unauffälligen Kleinwagen und zahlte vorsichtshalber in bar. (Oder hätte doch lieber die Kreditkarte nehmen sollen? Das Bargeld ist schon fast alle. Ach Scheiße, jetzt ist es passiert.) Er setzte sich hinter das Steuer und fuhr in Richtung Detroit, hielt sich jedoch nicht in der Stadt auf, sondern fuhr über die Brücke nach Kanada und nonstop weiter nach Montreal Er war völlig zerschlagen von der langen Fahrt, als er die Stadt am frühen Abend erreichte. Sein Magen forderte schon lange etwas zu essen. Mufti hielt bei einem kleinen Restaurant und bestellte sich ein Omelett. Während er auf das Essen wartete, blätterte er in seinem Adreßbuch. (Wo soll ich jetzt hin, wo bin ich sicher? Nach Hause? In Deutschland habe ich vielleicht eine Chance. Nach Berlin? Da suchen sie mich zuerst, und außer Jojo hatte ich da doch nur Saufkumpane. He, halt mal, was steht denn hier?. Prof. Kraski. Das ist doch der ausgeflippte Professor aus meiner ersten Show. Mit dem hab ich mich ganz gut verstanden. Der ist auch bestimmt nicht von Henderson abhängig. Wenn ich irgendwo sicher bin, dann bei dem. Ich ruf ihn sofort an, oder nein, lieber vom Flugplatz aus.) Nachdem er diese Entscheidung getroffen hatte, fühlte er sich wohler. Er ließ das halbe Omelett liegen, bezahlte und fuhr direkt zum Flugplatz, um ein Ticket zu kaufen.
"Ich möchte einen Flug nach Frankfurt, West-Germany, buchen."
Die Stewardeß lächelte ihn freundlich an und fragte: "Mit welcher |Maschine möchten Sie fliegen?"
"Mit der nächstmöglichen. Wann geht die?" "Das wäre der Flug LH 342, Sir, in etwa drei Stunden. Es sind auch noch Plätze frei. Wäre das etwas für Sie?"
Mufti überlegte nicht lange, sondern reichte ihr seine Kreditkarte. Als er seinen Flugschein in der Tasche hatte, betrat er die nächste Visiphonzelle und rief Kraski an.
"Ja, hier Kraski," meldete sich der Professor verschlafen. Muftis Herz schlug schneller. "Hallo, Professor, erinnern Sie sich noch an mich? Mufti Großkopf, der Fernsehmensch." "Aber natürlich, Herr Großkopf, das ist aber eine Überraschung. Wo sind Sie denn,? Ich dachte Sie wären in den Staaten."
Mufti bemühte sich, locker zu wirken und antwortete: "Ja, da haben Sie Recht. Im Moment bin ich gerade in Montreal und auf dem Weg nach Frankfurt. Ich habe da ein neues Projekt und würde gern einmal mit Ihnen darüber sprechen. Sind Sie morgen abend, ach nein, entschuldigen Sie, nach Ihrer Zeit heute abend zu Hause? Dann würde ich gern bei Ihnen vorbeikommen."
"Aber natürlich, gern, ich freue mich schon darauf."
"Also, dann bis heute abend, Herr Professor. Ich wünsche Ihnen noch einen guten Tag." Erleichtert unterbrach er die Verbindung und ging in die Bar, um sich die Zeit bis zu Abflug mit ein paar Drinks zu verkürzen.
Langsam fühlte er sich wieder sicherer. Während des Fluges konnte er erstmals seit ein paar Tagen wieder schlafen. Das gab ihm neue Kräfte und die sollte er noch sehr dringend brauchen.
*
Mufti konnte zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, daß die Rekrutierung Kraskis für Hendersons Organisation schon vier Jahre zurücklag. Damals, lange vor dem Renaissance Mittel und lange vor Strauchs Intelligenzsteigerung, hatte Henderson seinen Sicherheitschef Savallas angewiesen, in Europa verdeckt Sozialwissenschaftler einzukaufen.
Aufgrund von Computerprofilen war Savallas schnell auf den cleveren Kraski aufmerksam geworden.
Das Rekrutierungsgespräch behielt sich der Italoamerikaner mit der Glatze selbst vor.
"Überlegen Sie es sich, Herr Professor, es wäre doch ein leichter Nebenverdienst für Sie. Sie haben nichts weiter zu tun, als uns ab und zu einen Gefallen zu erweisen; garantiert nichts illegales Sie sollen keine Geheimnisse ausplaudern oder ähnliches." Kraski stand am Fenster und sah einem Mann zu, der ein Werbeplakat an die gegenüberliegende Wand klebte. Es kündigte die Europatour 95 der Popgruppe 'Mad Bomber and the Desaster' an. Langsam drehte er sich um.
"Sie haben recht, Mr. Savallas, es ist leichtverdientes Geld. Ein paar schnelle Dollars, wie man bei Ihnen so sagt. Ich kann es gut gebrauchen, darum nehme ich Ihren Vorschlag an."
Kraski war schon immer der Überzeugung gewesen, daß Beziehungen im Leben notwendig wie Wasser in der Wüste waren. Diese Geschäftsverbindung zu einem aufstrebenden U. S. Konzern versprach viele Beziehungen, Dollars und damit Macht.
Selbst wenn diese Mufti unbekannte Geschäftsbeziehung nicht bestanden hätte, dann hätte sowohl die Benutzung der Kreditkarte, als auch das Visiphongespräch jedes für sich Muftis Aufenthalt verraten.
*
In Frankfurt stand er ungeduldig in der Menschenschlange, die sich vor der Paßkontrolle gebildet hatte. Endlich stand er am Schalter und gab dem Beamten sein Dokument. Dieser verglich das Foto mit dem Original und schob es zur weiteren Prüfung in den Computer.
"Herr Großkopf, Sie kommen aus den Staaten?"
Mufti erstarrte. "Ja, das heißt im Moment komme ich aus Kanada."
Der Uniformierte sah auf den Bildschirm. "Sind Sie beruflich hier, oder wollen Sie nur Ihre Heimat besuchen."
Muftis Gedanken überschlugen sich. (Was will der Kerl? Werde ich schon gesucht? O Gott, Henderson hat irgendeine Räuberpistole erzählt, um mich zu kriegen.) "Ich bin sowohl geschäftlich, als auch zum Vergnügen hier." Er versuchte zu lächeln, doch es wurde nur eine verzerrte Grimasse daraus. "Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in der Heimat." Mit diesen Worten gab der Beamte den Paß zurück.
Mufti atmete erleichtert auf und ging mit schnellen Schritten zum Ausgang. In der Halle steuerte er direkt auf das Scherz Office zu. Mit seiner Kreditkarte bezahlte er die Miete und Kaution für einen kugelsicheren Mittelklassewagen. Dann besorgte er sich noch eine Straßenkarte und einen Stadtplan von Freiburg und fuhr los. Er fuhr sehr schnell, dabei hätte er sich ruhig Zeit lassen können. Er wußte aber nicht, was ihn erwartete.
*
"Herr Großkopf, kommen Sie doch herein. Ich freue mich, Sie nach so langer Zeit wieder einmal zu treffen." Mit wirren Haaren und in einen altmodischen Hausmantel gehüllt, dessen Farben schon lange verblichen waren, stand der Professor in der Tür. Dann trat er zur Seite und machte eine einladende Handbewegung.
"Danke," sagte Mufti erleichtert und ging in den Flur.
"Sie wirken blaß, mein Freund. Aber legen Sie doch ab. Ich werde uns einen Kaffee kochen, das wird Ihnen gut tun."
Mufti nickte dankbar und zog seine Jacke aus. Er hängte sie an der Garderobe aus dunklem Holz auf, ging zur Wohnzimmertür und öffnete diese. Dann erstarrte er. Wie aus weiter Ferne drangen die Worte des Professors aus der Küche an sein Ohr.
"Ach, Mufti, ich vergaß ganz, Ihnen zu sagen, daß ein gemeinsamer Freund zu Besuch gekommen ist."
Das Zimmer war etwa achtzig qm. groß. An den geschmacklos tapezierten Wänden hingen drei Bilder von Feininger. An allen Wänden waren Regale angebracht, die mit Büchern vollgestopft waren. Gegenüber der Tür, unter dem Fenster, stand ein Tisch. Vier Stühle und, an der Wand, ein Sofa, rahmten dieses Möbel ein. Auf dem Sofa saß er. Strauch.
"Er kam gestern abend zufällig nach Freiburg. Natürlich forderte ich ihn auf, bei mir zu wohnen. Ist das nicht eine angenehme Überraschung?" Muftis Impuls zur Flucht ebbte schnell ab; aussichtslos. Er brach zusammen. (Jetzt weiß ich auch, warum damals mein Name bei Henderson in den Staaten bekannt war. Herrgott, alles, aber das hätte ich nie geglaubt. So soll ich also sterben. Hoffentlich macht er es schmerzlos. Verloren bin ich jedenfalls nicht allein. Ihr werdet mir bald folgen)
Na, Mufti, sei nicht so ungesellig," meldete sich der intelligenzgesteigerte Killer zu Wort, "Du wußtest doch, daß Du sterben mußt. Was hast Du den Rainbow-Leuten erzählt?"
Mufti starrte zu Boden und schwieg noch immer. (Macht endlich. Schluß, ihr Schweins. Hätte Jojo mich damals bloß nicht angerufen.)
Kraski, der inzwischen aus der Küche herübergekommen war, stieß ihm den Daumen in die Rippen. "Mach das Maul auf, Du Verräter! Was hast Du ihnen erzählt? Spuck's aus, oder soll ich Dich verprügeln?"
(Sie wissen alles. Was wollen diese Verbrecher denn noch?)
Kraski grinste verzerrt. Sein Gesicht war leicht gerötet, und er schlug Mufti mit der flachen Hand ins Gesicht.
Mufti sah, daß Strauch den Mund öffnete um etwas zu sagen. Dann wirbelte er herum und grub seine Faust mit aller Kraft in Kraskis Bauch. Strauch machte eine schattenhafte Bewegung. Mufti sah ein metallisches Blitzen. Dann spürte er nur noch einen sanften Druck hinter dem Schlüsselbein. Jedes Gefühl erstarb. Wie in einem Traum sah er seinen Körper zu Boden sinken, sah wie Strauch prüfend sein Auge öffnete. Langsam, als blende man einen Film aus, verblaßte das Zimmer.