"We know no more of our own destiny than a tea leaf knows the destiny of the East India Company."
(Douglas Adams)
Das Terminal riß Joan Kendall mit den Morgennachrichten aus ihrem Schlaf. Sie erlaubte sich den Luxus, noch einen Moment mit geschlossenen Augen liegenzubleiben und langsam in das Wachsein hinüberzugleiten.
Die Lage in Johannesburg selbst ist katastrophal. Ein Regierungssprecher berichtete über mindestens 100.000 Tote und Schwerverletzte.
Joan Kendall schaltete die Nachrichten äußerst beunruhigt ab und verließ ihr Bett in Richtung Dusche. (Oh, Gott, was ist bloß los? Auf der Erde gerät alles aus den Fugen, und kürzlich waren die Gegner sogar schon hier oben. Was wäre wohl geschehen, wenn der Wizard dem Agenten unterlegen gewesen? Was wird heute geschehen?) Sie spürte wie das prickelnde Wasser ihren Körper massierte. (Ob die auf dem Mond wissen, was hier vorgeht?)
Sie trat aus der Dusche und trocknete sich ab. (Die 'O'Neill' expandiert, die erste Sektion des großen Habitats in der Nähe der Raumstation wurde schon mit O2 und HO versehen und ist fast fertig. Wenn es bloß im letzten Moment, bevor wir Menschen flügge werden, keinen Krieg gibt.)
Sie trat an ihre Konsole und rief ihr Tagesprogramm ab. Zuerst die Arbeit; sie wollte ein paar neue Programmblöcke ausprobieren. Später wollte sie einen Vortrag des Wizard besuchen. Sie zog Ihre Raumkombi an, betrat die Luftschleuse und wartete auf einen der ständig verkehrenden Raumbusse, der sie zum Habitat herüberbrachte. Die anderen Passagiere kamen oder flogen zu ihren unterschiedlichen Arbeitsplätzen. Die industrielle Produktion um das Habitat expandierte auf vielen Gebieten. So wurden z.B. superreine Medikamente, spezielle Metallegierungen, Triebwerksschaufeln, und ultrahochintegrierte Chips hergestellt, doch vor allem: Sonnenenergiesatelliten, bestehend aus Solarpaddeln, einem Mikrowellensender, einem Generator und etwas Intelligenz zur Lagesteuerung. Diese Geräte sollten die Energieprobleme auf der Erde endgültig lösen und damit den Löwenanteil der Finanzierung des Projektes Weltraumbesiedlung einbringen.
Die Problemstellungen der Programme, die sie gerade in Arbeit hatte, ähnelten sich: Einerseits sollten fremde Datenspeicher ihrem Zugriff geöffnet werden, andererseits war es ihre Aufgabe, einen Code für die Kommunikation zwischen Raumstation, Mondbasis und Gruppen auf der Erde zu entwickeln, der Eindring- und Entschlüsselungsversuchen von anderer Seite widerstand.
Nachdem sie sich aus dem Raumanzug geschält hatte, besorgte sie sich einen Tee aus einem der Automaten und machte sich , ab und zu leise schlürfend, an die Arbeit. Sie rief die Ergebnisse ihrer letzten Arbeitssitzung ab, in der sie das soweit fertige Decodierungsprogramm auf ihren Kommunikationscode angesetzt hatte, um sich über die Arbeitsweise und Effizienz beider Programme klar zu werden. Vor ihren Augen flimmerten endlos lange Hexdumps mit dem Protokoll des 'Kampfes' der beiden Programme in der letzten Nacht über den Schirm.
*
22 53 75 63 68 E5 20 6E 6F 63 E8 20 65 69 6E E5 20 45 62 65 6E E5 20 74 69 65 66 65 72 AC A0 20 6C 69 65 62 65 F2 20 4C 65 73 65 72 AE 20 44 65 F2 20 48 75 6E E4 2O 69 73 F4 20 74 69 65 66 65 F2 20 8D 0A 62 65 67 72 61 62 65 6E 21 22 1A 1A
*
(Ist es nun ärgerlich oder erfreulich, daß das REFLECT-Programm den Code von COTCOM (Central Observation of Terminal Communication, wie nichtssagend) nach 3-stündiger Rechenzeit geknackt hat? Hoffentlich schafft es das auch mit den Codes von Hendersons Zentralspeichern, wenn ich die notwendigen Verbesserungen eingeführt habe. Wir brauchen einfach seine Informationen. Wie sollen wir uns sonst gegen vielleicht noch ausgefeiltere Übergriffe zur Wehr setzen?)
Geistesabwesend griff ihre Hand nach der Teetasse, verfehlte sie jedoch und stieß sie von der Konsole. "So eine Sch¼ lechtwetterfront!" Nur kurz blickte sie auf und sah das Plastikgefäß mehrmals wie ein Jojo in Zeitlupe auf dem Boden auftrumpfen und den Inhalt in Kügelchen verspritzen. Sie rümpfte die Nase und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.
Sie nahm sich das REFLECT-Programm vor, änderte die Stellen, die bei COTCOM Alarmmeldungen ausgelöst hatten und reservierte 1 Kilobyte für ein Unterprogramm, das bei einer Alarmmeldung des zu decodierenden Programms dieses für 3 Minuten stillegte und eine Meldung an den Reflect-Terminal machte. Dann führte sie zwei neue Kontrollschleifen in das COTCOM ein, ließ wieder beide Programme aufeinander los und schaltete das Terminal ab. Sie atmete einmal tief durch, trank noch einen Becher heißen Tee und gab dann dem Protest ihres Magens nach.
Sie verließ ihren Arbeitsraum im Richtung Kantine und nahm dort einen leichten Imbiß ein.
Nach einer kleinen Pause ging Joan zu einem der größeren Aufenthaltsräume, um dort an den Unterweisungen teilzunehmen. Der Wizard erläuterte gerade den Aufbau dieser Ausbildung:
"Bitte erwartet keine schnellen Erfolge," sagte er, "Zazen mit Alphawellenbiofeedback kann das Ganze zwar beschleunigen, ist jedoch kein Allheilmittel. Die wunderschönen Erlebnisse, als die die Erleuchtung immer dargestellt wird, schlagt Euch fürs erste aus dem Kopf; das ergibt sich später von ganz allein. Oberstes Prinzip ist: Der Weg ist das Ziel! Wir müssen einfach mit den simpelsten Grundsätzen beginnen und die persönlichen Grundlagen Schritt für Schritt ausbauen. Also geht es anfangs für den Einzelnen von Euch darum, seine Motivation für die Teilnahme hier abzuklären. Und für mich geht es darum, Euren jeweiligen Stand einzuschätzen. Daraufhin beginnt die Aufbauarbeit, die in kleinen Gruppen und bei Bedarf in Einzelsitzungen stattfindet. Dazu gehört auch, daß jeder erkennen lernt, wie wichtig es ist, die hier gelernten Praktiken der Konzentration und geistigen Disziplin in den Alltag zu integrieren. Ihr werdet Euch ab jetzt jeden Tag morgens und abends etwas Zeit nehmen, um das Sitzen, das ich Euch nachher erklären werde, zu üben. Dieses und die Einsichten, die ihr aus den anderen Praktiken des Zen gewinnen werdet, werden Euch und Euren Alltag, sowie das Leben aller hier nachhaltig beeinflussen." Es folgte eine lange Meditationsphase.
Zum Abschluß des ersten Tages rezitierten sie das Zen-Ritual >Herz des vollendeten Wissens<. Dazu schlug der deutsche Mystiker Trommel und den Gong. In einer Schale brannte Weihrauch. Wizard sprach das uralte Ritual:
"So wisse:
Form hier ist nur Leere,
Leere ist nur Form,
Form ist nichts als Leere,
Leere nichts als Form.
Während er rezitierte, beobachtete er die versammelten Menschen. (Die meisten sind viel zu ungeduldig. Sie sehen nicht die jahrelange Arbeit, die nötig ist.)
Leer ist aus Empfindung,
Denken und das Wollen,
das Bewußtsein selbst ist leer.
Nichts wird hier geboren,
und nichts stirbt.
Nichts ist rein noch unrein,
nichts wächst noch vergeht.
In der Leere keine Form,
kein Empfinden und kein Denken,
kein Wollen, kein Bewußtsein.
Joan Kendall liefen kalte Schauer über den Rücken. Das Meditieren hatte sie äußerst sensibilisiert, und der Klang der Trommel und des Gongs, der Weihrauch und der eigenartige, ungewohnte Rhythmus der Worte drangen in ihr Inneres. (Das ist ja alles sehr angenehm, aber wie soll uns das gegen die Konzerne helfen, gegen Kreaturen wie diesen Norris?)
Nicht-Wissen gibt es nicht,
Nicht-Wissen endet nicht,
noch gibt es, was daraus entspringt:
Kein Altern gibt es, keinen Tod,
noch enden Altern oder Tod.
Noch gibt es Leid,
noch Wurzel des Leids,
noch Ende des Leids,
noch einen hohen Weg, dem Leiden zu entgehen.
Kein Wissen gibt es zu erringen,
das Erringen selbst ist leer.
Wizard dachte daran, was ihnen bevorstand. (Hoffentlich reicht die Zeit. wenn nicht genügend Menschen ihren Machtdrang, ihre Eitelkeit und ihren Egoismus überwinden, dann geht hier im Weltraum die gleiche Spirale menschlicher Niederträchtigkeit noch einmal los.)
Die Buddhas vergangener Zeit,
die Buddhas der Gegenwart,
die Buddhas künftiger Zeit,
vertrauend auf Prajna-Wissen
kommen zu vollendeter Erleuchtung.
Joan Kendall war den Tränen nahe. Irgendetwas an dieser Zeremonie berührte sie so tief drinnen, daß sie kaum etwas spürte außer diesem Tränendrang. Dennoch fühlte sie sich so gelöst und glücklich, wie niemals vorher in ihrem Leben. Jede Körperzelle schien den Rhythmus aufzunehmen und zu reflektieren.
Ihr Wort stillt alles Leid.
Dies ist höchstes Wissen
jenseits aller Zweifel."
HERZ DES VOLLENDETEN WISSENS
*
Am nächsten Vormittag setzte Wizard die Schulung fort. Vor ihm drängten sich noch mehr Menschen als am Tag zuvor. Er betonte die Notwendigkeit, die verschiedenen mystisch/transzendenten Ansätze der Menschheit zu vereinigen, von der Kruste des überflüssigen Rituals zu befreien und die Bemühungen undogmatisch auf die Entwicklung des neuen, des kosmischen Bewußtseins zu lenken.
Am Nachmittag hielt er einen Vortrag über duales und einheitliches Denken. Am Abend sprach er mit MacIntosh und Joan über die Belastung, der er als alleiniger Lehrer unterlag. "Ich brauche unbedingt Unterstützung. Bitte, Mac, setze Dich mit Garfield in Verbindung. Er soll schnellstens Hilfe schicken. Ich habe kaum noch Zeit für andere, genauso wichtige Angelegenheiten." Die Abendstunden verbrachte er in den Labors mit den Wissenschaftlern bei Experimenten mit verschiedenen Psychostoffen und verbesserten Biofeedback-Apparaten zur Steigerung der Konzentration.
Mit einem Elektronikerteam versuchte er, die Informationen von Norris über den elektronischen Erzieher in eine Meditationshilfe zu verarbeiten. Doch schienen sie hier vorerst in einer Sackgasse zu stecken. Dabei sollte es nicht mehr lange dauern, bis ihnen die notwendigen Informationen sozusagen in den Schoß fallen würden.
Kurz nach Mitternacht, man sah ihm das riesige Arbeitspensum nicht an, saß er wieder mit Joan und Mac zusammen. Diesmal hatte Joan die Gesprächsleitung.
"Sind die Rainbow-Gruppen auf der Erde darüber informiert, daß wir den MBDV brauchen? Kann man diese Sache nicht irgendwie forcieren?" Mac meldete sich zu Wort: "Sie tun dort unten, was sie können. Ich habe auch Deine Nachricht durchgegeben, Wizard. Es sind schon einige Lehrer auf dem Weg zu uns. Sie werden mit einer der nächsten Fähren erwartet. Joan, Du sollst Dich unbedingt mit den 'Hackern' in Verbindung setzen. Sie brauchen Deine Programme und haben auch wichtige Infos für Dich." Wizard und Joan nickten zustimmend. Sie fühlten sich erleichtert, dabei sollte sich ihr Optimismus als unbegründet erweisen, denn die Krise stand noch bevor.
"Civilisation begins, because the beginning of civilisation is a military advantage."
(Bagehot)
Henderson saß im blauen Salon seines Hauptquartiers mit einem Whiskyglas in der Hand am Fenster und streichelte geistesabwesend den Schäferhund Sirius, der neben ihm auf dem Boden lag. Der Hund wich nie von seiner Seite, er schlief sogar neben Hendersons Bett, und war inzwischen optimal auf den Manager eingestellt.
Er dachte an den letzten Sicherheitsbericht. Die Lage spitzte sich offensichtlich krisenhaft zu.
Zwischen dem Untergrund und den Sicherheitsorganen des Staates und der Wirtschaft war es mehr oder weniger zum offenen Krieg gekommen. Julian Henderson kam zu dem Schluß, das Savallas für diese Aufgabe eine Nummer zu klein war.
Er lehnte sich entspannt zurück und nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas.
Dann dachte er an die erfreulicheren Ereignisse der letzten Zeit. Zufrieden erinnerte er an sich das Ergebnis der Konferenz mit den Konzernspitzen. Er hatte persönlich mit dem schwedischen Wirtschaftsminister und dessen Beraterstab gesprochen. (Sie haben, sie mußte vor mir kuschen. Ich habe sie in der Hand, und wenn ich will, kann ich sie zerquetschen. Jetzt muß ich nachstoßen. Bald sind die Regierungschefs der großen Staaten dran. Wo Matthau nur mit diesem Großkopf bleibt?)
In diesem Moment öffnete sich die Tür und die beiden Erwarteten traten ein.
Mufti hatte sich sehr verändert. Seine Jeans und T-Shirts waren einem Anzug mit Weste und Schlips gewichen. Er hatte sich seiner neuen Umwelt schnell angepaßt. Bei seinen Mitarbeitern war er unbeliebt, denn er ließ jeden seine Macht spüren. Doch er hatte die richtigen Ideen und konnte sie auch gezielt verwirklichen, das sicherte ihm seine Stellung. Er wußte es und nutzte es aus.
Henderson forderte seine beiden Mitarbeiter auf, sich mit Drinks zu versorgen und dann am Tisch Platz zu nehmen. Als sie es sich auf der Ledergarnitur bequem gemacht hatten, kam er zur Sache: "Nun, Mufti, was macht die Arbeit? Haben Sie Zeit und Lust, einen neuen Auftrag zu übernehmen?" (Du hast Zeit und Lust, weil ich es so will, und weil Du mir gehörst!)
Mufti sah seinen Herrn und Meister erwartungsvoll an. (Was hast Du alter Gauner jetzt wieder vor? Egal was es ist, ich werde es Dir hinzaubern.) Henderson wandte sich jetzt an Matthau: "Wie groß ist der Verbreitungsraum unserer TV- und Rundfunkprodukte?"
"Nun", Matthau zögerte kaum merklich, "unser eigenes Netz, plus der Verkäufe an andere Gesellschaften ergeben ca. 27% des weltweiten Satellitennetzes." Henderson nickte zufrieden. (So will ich Dich hören, mein Freund.)
"Gut, das sollte reichen. Trotzdem, Matthau, erweitern Sie unseren Anteil durch Käufe der Stationen, die unsere Produkte bis jetzt noch nicht senden. Finanzieren Sie außerdem noch ein paar neue Piratensender.
Nun zu Ihnen, Mufti. Ich will weltweit das Ansehen der am Kartell beteiligten Konzerne bei der Bevölkerung aufwerten, gleichzeitig die Regierungen in einen schlechten Ruf bringen. Wie würden Sie das anfangen?" Während Muftis Gedanken sich überschlugen, ließ er, um Zeit zu gewinnen, einen Schluck Whiskey auf der Zunge zergehen. (Du alter Sauhund. Jetzt willst Du also alles, die volle Miete, das ganze Spielbrett. Aber, wenn für mich was dabei 'rausspringt, bin ich dabei.) Mit einer ruckartigen Handbewegung stellte er sein Glas auf dem Tisch ab und sagte fest zu Henderson: "Ich habe da eine Idee, aber das wird sehr teuer."
"Wenn die Idee den gewünschten Erfolg bringt", erwiderte dieser, "spielt Geld keine Rolle. Sie haben letztesmal den richtigen Riecher gehabt. Klappt es diesmal wieder so gut, finden Sie sich ganz oben wieder."
Mufti vermochte seine Aufregung nur mit Mühe beherrschen, doch er brachte es fertig , mit ruhiger Stimme zu antworten. "Danke, Mr. Henderson. Also ich stelle mir die Sache wieder mit einer Filmserie zum Auftakt vor. Als Thema nehmen wir ein paar junge, progressive Manager, echte Karrieretypen, die auf eine Reihe von Problemen eine Antwort wissen und diese den Politikern zur Verfügung stellen. Diese Probleme könnten schnell gelöst werden, wenn die jungen Manager anfangen könnten. Doch der Regierungsapparat ist schwerfällig, und so werden die Lösungen verzögert. Die cleveren Manager beschleunigen den Vorgang, soweit es auf der Konzernsebene möglich ist, doch dabei werden sie immer wieder durch die Trägheit, die Inkompetenz und Dummheit der Bürokratie behindert.
Wir unterlegen die Serie mit visuellen und Infraschallstrobos. Die Texte werden von Didaktikern überarbeitet, ebenso die Fragen der Delphishow und die Berichte und Dokumentarfilme, die wir nachschieben werden. Besonders die Hörprogramme für die Dritte Welt müssen sorgfältig produziert werden." Mufti redete sich in einen Rausch; er sah das ganze Programm vor sich. (Mein Gott, das ist die größte Propagandakampagne, die es je gegeben hat. Und ich werde sie leiten! Ich habe es geschafft! Verdammt, ich habe es wirklich geschafft. Sieh Dich vor, Henderson, vielleicht will ich eines Tages sogar auf Deinen Stuhl.)
Julian Henderson war stolz auf sich. (Die Investition 'Großkopf' zahlt sich aus.) Er gab Matthau mit einer Handbewegung zu verstehen, daß er die Gläser nachfüllen sollte. Dann wandte er sich direkt an Mufti: "Ich bin einverstanden, Sie werden die Kampagne leiten. Matthau, Sie stehen ab sofort Mufti zur Verfügung. Strauch soll meinen Terminkalender übernehmen." Matthau nickte devot und füllte wortlos die Gläser. "Besorgen Sie als erstes für Mufti einen Klasse B Ausweis, er gehört jetzt zum engeren Mitarbeiterstab. Damit können Sie jederzeit über jede Summe verfügen, außerdem stehen für Sie alle Firmenfahrzeuge, einschließlich der Fluggeräte, zur Verfügung. Haben Sie sonst noch einen Wunsch?"
Mufti konnte seine überschäumende Freude nicht mehr verhehlen. "Nein, danke, Mr. Henderson, ich meine, im Moment habe ich keinen weiteren Wunsch. Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie mir entgegenbringen. Ich bin überzeugt davon, daß ich mich dessen würdig erweisen werde."
Henderson winkte ab. "Sollten Sie versagen, fallen Sie schneller und tiefer, als Sie es sich überhaupt vorstellen können. Ich will über alle ihre Schritte auf dem Laufenden gehalten werden. Lassen Sie als zusätzliches Bonbon eine Talkshow mit mir ausarbeiten, das sollte eine Rekordeinschaltquote garantieren. Ein Liveinterview mit mir hat es schon seit Jahren nicht mehr gegeben."
Henderson erhob sich, sofort war Sirius an seiner Seite. Er stand schon in der Tür, als er sich noch einmal umwandte und sagte: "Ach ja, ehe ich es vergesse, Mufti. Bauen Sie Kluth mit ein. Er ist ein heller Kopf und kann gut im Team arbeiten. Setzen Sie sich mit ihm in Verbindung. Sagen Sie ihm, daß ich ihn hier dabei haben will. Viel Glück, Propaganda-Chef Großkopf!"
Mufti konnte in seinem Hochgefühl den gefährlichen Unterton in Hendersons Stimme und die bedrohliche Doppelbedeutung des 'Viel Glück' nicht spüren.
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Mufti begann seine Vorbereitungen mit dem Sammeln von Hintergrundinformationen. Durch seinen B-Ausweis hatte er Zugang zu Hendersons Computer im Hauptquartier. Aufgrund seiner inzwischen erfolgten Intelligenzsteigerung hatte er keinerlei Mühe mit der Arbeit in den unüberschaubaren Datenbanken. Je tiefer er in diese vordrang, desto deutlicher zeichnete sich Hendersons Machtpotential für ihn ab. (Diese Truppe von hypnogeschulten und intelligenzgesteigerten Superagenten nimmt immer mehr den Charakter einer internationalen Geheimpolizei an.)
*
Ron Helmer und Neil Brown verließen den Subway und gingen durch die unbeleuchteten Straßen. Sie trugen beide eine Schußwaffe in der Hand, denn in diesem Abfallhaufen wohnten hauptsächlich Tollwütige, Menschen wie Tiere. Als sie um die Ecke bogen, hörten sie Schüsse. Ron duckte sich in eine Einfahrt und zog Neil mit sich. Die Schüsse kamen aus dem Gebäude, zu dem sie unterwegs waren. Er sah José Desoza, Mitglied einer Puertoricanergang, aus der offenen Haustür laufen. Ron hörte das Belfern einer Maschinenwaffe und Desoza sank zusammen.
"Wären wir ein paar Minuten früher zu der Versammlung gegangen, dann wären wir jetzt dran", flüsterte Neil "Ich halte die Idee von diesen Rainbowleuten sowieso für Quatsch, daß alle New Yorker Gangs zusammenarbeiten sollen. Schließlich sind wir für die Sicherheit in unserem Revier verantwortlich. Ich mag nun mal keine Fremden bei uns in der Bronx, außer ich weiß, daß ich sie abknallen kann."
Sie beobachteten, wie noch mehr Menschen, die aus dem Haus fliehen wollten, zusammengeschossen wurden. "weg hier," zischte Ron. "Das sieht nach dicker Luft aus."
Aber es war schon zu spät. Als sie sich umwandten, sahen sie sich einem Mann mit einem riesigen Schäferhund gegenüber. Das kalte Lächeln des Mannes wurde durch das Knurren des Tieres ergänzt, und dann ging alles blitzschnell. Ron sah den Hund geräuschlos auf sich zuschnellen und machte einen Ausfallschritt nach hinten. Mit schlafwandlerischer Sicherheit glich das Tier seine Bewegung an, umging Rons hochgestreckten Arm und fuhr ihm an die Kehle. Sein letztes Gefühl in diesem Leben war Verblüffung.
Hunde waren bisher noch nie ernsthafte Gegner für ihn gewesen.
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Mufti saß mit Kluth und Matthau in seinem Büro und sichtete statistisches- und Filmmaterial.
"Ich verstehe das nicht," sagte der notorische Machtjunkie gerade zu Kluth, "dieses Anwachsen der Gewalt."
"Das liegt an den verstärkten Aktivitäten der Terroristen," antwortete ihm der Soziologe aus Hamburg. "Wenn wir den Frieden sichern wollen, müssen wir hart durchgreifen. Nur dann sind wir erfolgreich."
Der Wissenschaftler gab einige Befehle in das Terminal ein, und kurz darauf sah Mufti Bilder auf dem Bildschirm, die er nie für möglich gehalten hätte.
Er sah, wie drei schmutzige Männer eine Frau vergewaltigten. Plötzlich flog die Tür auf, und Männer in der Uniform des staatlichen Sicherheitsdienstes stürmten herein. Sie erschossen die Männer und vergewaltigten dann ebenfalls die Frau. (Woher haben die die Aufnahmen? Das ist doch gestellt. Das kann nicht wahr sein.) Im nächsten Film wurde gezeigt, wie Menschen mit Wahrheitsdrogen und Elektrotrance verhört wurden. Mufti war blaß geworden. (Das erinnert mich an das, was ich über Konzentrationslager gehört habe. Was, wenn die mich mal so in die Mache nehmen? Na, Gott sei Dank, daß ich auf der richtigen Seite stehe. Tue ich das wirklich?)
Matthaus Stimme unterbrach seine Gedanken.
"Ich finde, wir sollten ausgewählte Teile dieser Propagandafilme als Strobos in die Filmserie einbauen, dazu bei allem, was die Regierungspolitiker sagen oder tun, Infraschall einblenden. Was meint Ihr dazu?"
Kluth stimmte sofort lautstark zu, während Mufti nur schweigend mit dem Kopf nickte. (Das alles macht mir angst. Ich glaube, der beste Schutz für mich ist, wenn ich jetzt Henderson bedingungslos unterstütze. Wenn diese Terroristen und Chaoten endgültig an die Macht kommen sollten, dann kann es sehr gefährlich für mich werden.)
Muftis innere Zerrissenheit drückte sich in Magenschmerzen aus, was sehr selten geschah, denn er war sehr gut im Verdrängen.
"Bitte, Kluth, zeig mir mehr von diesen Filmen." Wieder ließ der Professor aus Deutschland die Bilder laufen.
Mufti sah Männer und Frauen zusammen mit Hunden Gefangene verhören. Die Untergrundleute waren in der Regel nackt und ihre Körper von Wunden übersät. Sie wirkten übernächtigt, wurden eingeschüchtert und gedemütigt. Ihre Aussagen ließen erkennen, daß sie nicht begriffen, was geschah.
"Wir zerschlagen eine Zelle nach der anderen," kommentierte Matthau, "sie haben keine Chance. Bald werden wir ihr Hauptquartier finden und dann machen unsere Leute dieser ganzen Terroristenblase ein Ende."
Mufti schluckte und sagte dann mit belegter Stimme: "Hoffentlich."
Ihm dämmerte nur sehr allmählich, daß bei Hendersons radikalen Methoden seine eigene Lage äußerst prekär war, egal welche Partei sich am Ende in diesem Konflikt durchsetzen sollte.
*
Inspector Phil Barrows von der Homicide Squad erreicht den Ort des Massakers. Die Toten waren auf der abfallübersäten Straße wie eine makabre Jagdstrecke sorgfältig aufgereiht. So etwas hatte er noch nie gesehen. Kopfschüttelnd ging er zu seinem Wagen, aus dem ihn ein aufdringliches Rufsignal rief. Als er den Hörer auflegte, hatte sich sein Gesicht verfinstert. "Aufräumen und den Bericht gleich zum Chef. Diese Sache geht uns mal wieder nichts an!" Während seine Leute mit ihrer Arbeit begannen, stieg er in seinen Wagen und fuhr mit quietschenden Reifen davon.
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Henderson saß in einem bequemen Sessel vor dem Visiphon und wartete auf seine Verbindungen nach Washington und Moskau. Neben sich, auf einem Beistelltischchen, stand eine Kanne mit chinesischem Rauchtee. Das halbleere Schälchen hatte er auf der Sessellehne abgestellt. (Nun los, Ihr Lakaien, meldet Euch schon, damit ich Euch zeigen kann, wer Euer Herr ist. (Heute wollen wir die Welt neu aufteilen, Ihr könnt behalten was ich nicht brauche. Aber ich brauche alles.) Da leuchtete der Schirm auf.
"Hi, how are you doin", meldete sich James T. Lexington, der Präsident der Vereinigten Staaten, "we've got a lot of problems here."
Hendersons Visibild war zweigeteilt. Links leuchtete das müde Gesicht des US Präsidenten. Die rechte Seite war noch dunkel. Während er den Gruß Lexingtons erwiderte, erschien auch auf der anderen Seite ein gestochen scharfes Farbbild.
"Dorogoj President, dorogoj Mr. Henderson. Ja was pozdraviljaju!" meldete sich der sowjetrussische Parteivorsitzende Ivan Kaspartin.
"Gentlemen," entgegnete Henderson, "ich freue mich, daß Sie beide die Zeit für dieses Gespräch erübrigen konnten. Ich hoffe, daß wir die Mißverständnisse, die zwischen Ihnen beiden bestehen, ausräumen können."
Sofort brach ein aggressives Durcheinander mit wilden, gegenseitigen Beschimpfungen der Kontrahenten los, das Henderson lässig zurückgelehnt beobachtete. (Ihr seid tatsächlich blöd. Ich hätte nie geglaubt, daß das möglich ist. Wie haben diese Schwachköpfe bloß ihren Posten gekriegt?) Er ließ sie eine Weile gewähren, doch dann unterbrach er sie mit den Worten: "Es reicht, meine Herren. Hören Sie auf, sich wie kleine Kinder zu benehmen."
"Aber mein Geheimdienst¼ ," begann der Amerikaner.
"Ich sagte, es reicht," knurrte Henderson, "Eure Geheimdienste sind eine Ansammlung von unfähigen Gehirnspastikern und dümmlichen Schleimscheißern. Wenn einer von Euch wirklich etwas vorhätte, dann hätte ich ihm schon längst auf die Finger gehauen." Abrupt schwiegen beide Politiker. Diesen Tonfall hatten die beiden mächtigen Männer seit vielen Jahren nicht mehr gehört. Dann, nach einer kurzen Pause, meldete sich der Mann auf der rechten Bildhälfte zu Wort.
"Was soll das heißen? Wollen Sie uns drohen?"
"Was soll das heißen," äffte Henderson ihn im bösartigen Tonfall nach, "das ist hier keine Cocktailparty, sondern eine von mir einberufene Konferenz. Warum, glaubt Ihr wohl, habt Ihr von mir das Unsterblichkeitsmittel bekommen? Weil Ihr so nette Kerle seid?"
Beide Männer sahen ihn jetzt mit zusammengekniffenen Augen an. Dann sagte der Russe langsam: "So sieht das also aus. Du Schwein willst uns erpressen. Entweder wir tun was Du sagst, oder wir werden vom Nachschub abgeschnitten, In drei Wochen wäre meine nächste Injektion fällig, und jetzt glaubst Du, uns in der Hand zu haben. Aber da mache ich nicht mit, ich scheiße auf Deine Droge."
Henderson lachte laut und gehässig. "Könnt Ihr Trottel denn wirklich nicht weiter denken? Wenn das alles wäre, hätte ich mir nie die Mühe dieses Gespräches gemacht. Ich habe die Elektronik für die amerikanischen Kampfsatelliten geliefert, und was glaubt ihr wohl warum? Es sollte Euch eigentlich klar sein, daß ich keine Verlustgeschäfte mache. Ich drücke hier, bei mir zu Hause, aufs Knöpfchen und schieße ab, was mich stört."
Die beiden Männer starrten ihn betroffen an. Der Amerikaner faßte sich zuerst. "Du Ratte," zischte er, "glaubst Du wirklich, daß wir auf diesen Bluff reinfallen? Ich bin sicher mein sowjetischer Freund stimmt mir zu, wenn ich Dir jetzt erkläre, daß Du zu weit gegangen bist. Immerhin hast Du erreicht, daß wir jetzt erst einmal zusammenarbeiten werden. Jedenfalls so lange, bis Du tot bist. Ich denke, wir klagen Dich wegen Landesverrat an und enteignen dich. Mensch, Henderson, ein Befehl von mir, und Du hast da in Colorado einige Luftlandedivisionen am Hals."
Der Mann auf der anderen Schirmhälfte nickte zustimmend und ergänzte: "Henderson, Du Filzlaus, diesmal bist Du entschieden zu weit gegangen."
(Sie glauben wirklich, sie hätten eine Chance. Nun gut, schaffen wir klare Verhältnisse!) Aufreizend langsam trat er an die Konsole unter dem Bildschirm. Er war peinlichst darauf bedacht, daß er im Bild blieb und die Gesprächspartner jede seiner Bewegungen verfolgen konnten. Dann drückte er auf einen Knopf und wandte seine Aufmersamkeit wieder der Gesichtern der beiden Staatsmänner zu. "Ich habe soeben einige Tanker Eurer Luftstreitkräfte abgeschossen. Ich bin sicher, das Ihr gleich eine Meldung darüber erhalten werdet. So viel zu meinem Bluff. Ich schlage vor, wir warten jetzt erst einmal ab. Inzwischen können wir ja wetten, wer die Nachricht zuerst bekommt, was meint Ihr?" Seine Stimme troff geradezu von triumphierendem Zynismus. (Ha, jetzt hab ich euch bei den Eiern, und wenn es mir gefällt, dann drücke ich zu.)
*
PhiI Jewell, SAC Tankerpilot der US Spaceforce, befand sich mit seinem Geschwader auf einem Routineflug über Alaska. An dem Tankstutzen der Führungsmaschine hatte sich schon ein B2-C Fernbomber angeklinkt, und die Kreiselpumpen arbeiteten in hohem Tempo. An Phils Tankerflugzeug hatte sich bisher noch keiner der durstigen Todesboten gehängt. Das Geschwader wurde aufmerksam von einem Hornissenschwarm kleiner, wendiger Jäger bewacht.
Phil dachte an sein Rendezvous heute abend. Er stellte sich, auf seiner Brotzeit kauend, Jemimas herrlich gebauten Körper vor. Diese Frau war die Erfüllung seiner Träume.
Plötzlich wurde es unnatürlich hell in seinem Cockpit und er sah die Maschine vor sich in einem Feuerball vergehen. Instinktiv riß er seinen Tanker aus der Flugrichtung, doch es war zu spät. Er starb, ohne zu wissen, was ihn getroffen hatte.
*
Henderson und Strauch standen in einem Büro der Ranch in Kerrville, Texas. Sie unterbrachen ihr Gespräch, als Savallas den Raum betrat.
"Nun, Tony," begann Henderson, "ich hatte Ihnen gesagt: Keine Pannen mehr! Wie ich gerade erfahren habe, ist nun auch die Information über den MBDV-Virus durchgesickert. Sie sind verantwortlich für die 'Circumterra' und den Mond. Die Informationen kamen von dort. Sie haben versagt, Tony! Es ist Zeit für Konsequenzen." Savallas wurde blaß, seine Hände tasteten nervös nach dem Döschen mit den unvermeidlichen Lavendelpastillen. Es war klar, was folgen würde. Er selbst hatte es häufig ohne zu zögern getan. Er sah Strauch an. Er wußte, daß er keine Chance hatte.
Hendersons Augen glänzten. (Er hat es begriffen. Jetzt kenne ich ihn schon so lange, doch ich erlebe zum ersten Mal, daß Tony Angst hat.) Ein Blick zu Strauch, und dieser wußte, was er zu tun hatte.
Strauch zögerte drei Sekunden. Savallas sah ihn fragend an. Er wagte es nicht, Hoffnung in sich aufkeimen zu lassen.
Henderson, in Gedanken schon Savallas Tod genießend, blickte auf. (Was?!?) Drei Sekunden können sehr lange dauern.
Plötzlich machte Strauch einen schnellen, gleitenden Schritt nach vorn und schlug hart mit den Fingerspitzen nach Savallas Kehlkopf. Die Bewegung war zu schnell, um auszuweichen.
Savallas kippte hintenüber. Er war schon tot, bevor er den Fußboden berührte. Im Sterben wirkte sein brechender Blick sehr friedlich.
Strauch stand kalt und anscheinend unberührt über der Leiche. Henderson wirkte freudig erregt von der Gewalt. Er hatte hektische rote Flecken im Gesicht. Dann fiel sein Blick auf Strauch. "Warum haben Sie gezögert?"
Strauch erwiderte seinen Blick. "Ich bitte um Verzeihung, aber ich beschäftigte mich gedanklich schon mit der Umstrukturierung der Sicherheitsabteilung. Ich werde mich jetzt um die Beseitigung des Kadavers kümmern, Sir." Er drehte sich um und verließ den Raum. Henderson sah ihm nachdenklich hinterher.
*
Der Attentäter drückte den Kofferraumdeckel seines Dillingham Roadsters zu, der auf einer verschwiegenen Waldlichtung parkte. Er nahm an der verspiegelten, windschlüpfrigen Kampfdrohne in seiner Hand einige letzte Justierungen vor. Dann brachte er sie in eine günstige Startposition und drückte auf den Auslöser.
*
Zwei Stunden später saßen sie schon wieder in Hendersons Maschine. Sie flogen zurück ins Hauptquatier nach Colorado. Henderson gab Strauch Anweisungen, die sofort nach der Landung auszuführen waren.
"Die Lage auf L5 ist instabil. Wir müssen den Nachschub des Renaissance-Stoffes sichern. Strauch, wir brauchen eine Ausweichposition. Es bietet sich nur die 'Circumterra' an. Die Supermächte werden stillhalten. Nach Übernahme der Station können wir innerhalb von 2 Stunden dort eine DNS-Rekombinationsanlage unabhängig von 'O'Neill' als Reserve aufbauen."
*
Die Space-Shuttle 'Alamo' befand sich im Anflug auf 'Circumterra'. In der Ladebucht warteten Sturmtruppen unter Führung von Modesty De la Mare, in Raumanzügen und in Kampfbewaffnung mit Medusa-Handlasern. Die jungen Gesichter spiegelten die Spannung kurz vor dem Koppelungsmanöver.
Dann ging alles sehr schnell. Sie überwältigten die Luftschleusenmannschaft in 30 Sekunden.
Als Modesty aus der Schleuse in die Lobby der Station trat, prallte dicht neben ihrem Kopf ein Projektil an das Schott und sirrte als Querschläger davon. Noch im Fallen machte sie den Standort des Schützen aus. Bevor sie den Boden berührte, schoß ein Lichtstrahl aus ihrer Waffe. Als sie sich wieder aufrichtete, war ihr Angreifer schon tot.
Die Besetzung der Station war nach 45 Minuten abgeschlossen. Der Widerstand in der astronomischen Abteilung wurde schnell und rücksichtslos gebrochen. Die Astronomen hatten fünf Tote zu beklagen,
Zwei Stunden später trafen die ersten Maschinenteile von der Erde ein. Die Ingenieure trafen bald die letzten Vorbereitung für die Renaissance-Produktion.
*
Julian Henderson und Michael Strauch gingen, in ein Gespräch vertieft, über den Rasen auf die Villa im Zentrum des Hauptquartiers in San Juan, Colorado, zu. Strauch erläuterte seine Pläne, die Reorganisation der Sicherheitsabteilung betreffend.
*
Der Attentäter schickte der startenden Kampfdrohne einen hoffnungsvollen Blick hinterher.
"Viel Glück, Baby, und grüß Henderson von mir, wenn Du ihn küßt. Diesmal erwischen wir Dich, Du Verbrecher!"
Er sprang hinter das Steuer seines Wagens und legte einen Kavalierstart hin. Sein einziger Gedanke, nun, da die Kampfmaschine unterwegs war, war Flucht.
*
"¼ habe ich begonnen, Savallas Vertraute zu eliminieren. Diese Arbeit erwies sich leichter, als erwartet. Viele wußten oder ahnten zumindest, was auf sie zukam. Sie machten den Fehler eines Fluchtversuchs, Das ersparte uns eine Menge Arbeit. Ich bin sicher, Sir, daß ich Ihnen in den nächsten zwei, drei Tagen den erfolgreichen Abschluß der Säuberungsaktion melden kann. Es war höchste Zeit, diesen Filz von Pennern aus L.A. auszumisten. Die waren sich alle jahrelang durch unüberschaubare Gefälligkeiten verpflichtet. Zu gefährlich, Sir, zu schwer zu kontrollieren¼ "
Ruckartig stieß Strauch Henderson zur Seite. Lichtschnell wirbelte er herum. Die Raketenpistole ziehen, feuern und in Deckung fliegen war eine fließende Bewegung. Bevor der völlig überraschte Henderson begriff, was geschah, hörte er eine laute Explosion. Aus dem Augenwinkel nahm er einen grell aufblitzenden Feuerball wahr. In diesem Augenblick jaulten die Alarmsirenen los. Fast gleichzeitig erschienen am Himmel bewaffnete Helikopter und Einmann-Fluggeräte. Dann stand Strauch vor ihm und reichte ihm die Hand, um beim Aufstehen behilflich zu sein.
"Was war das?" Henderson blickte verwirrt um sich. (Mein Gott, was ist passiert? Strauch hat geschossen. Etwas ist explodiert. Jemand versuchte mich anzugreifen. MICH??!!)
"Moment, Sir, sofort." Strauch hielt sein Kom-Gerät in der Hand und gab abgehackt Befehle an die Zentrale durch. Aus dem Zusammenhang schloß Henderson, daß es darum ging, die Ausgangsposition einer Kampfdrohne zu lokalisieren. Aus dem Lautsprecher quäkte eine Antwort.
"Wir haben das Schwein, Sir. 15 Meilen südöstlich; wahrscheinlich ein Auto. Gehen wir hinein, dann können wir uns den Spaß auf dem Bildschirm ansehen. In gut zwei Minuten ist die Einsatzstaffel da, denke ich."
"Was ist geschehen?" Wiederholte Henderson seine Frage.
"Nun, eine Kampfdrohne, Sir, vermutlich verspiegelt. Hat unser Abwehrsystem glatt unterflogen. Das war ein Attentat, Sir, und ein verdammt ausgeklügeltes dazu. Zwei Sekunden hätten ihm genügt."
Henderson begann vor Wut zu zittern. (Ein Attentat. Auf MICH!!! Aber da habt Ihr Schweine Euch verrechnet. Mich kann nichts und keiner töten. Ich bin Julian Henderson, Ihr Idioten. Ich bin unsterblich! Ich werde der mächtigste Mensch aller Zeiten. Ich werde noch herrschen, wenn ihr alle schon zu Staub verfallen seid.)
Während er mit großen Schritten über den Rasen und durch das Zimmer zur Konsole strebte, brach ein hysterisches Kichern von seinen Lippen. Strauch warf ihm einen kurzen Blick zu und bediente die Kontrollen des Terminals. "Da ist es, Sir. Wir haben ihn," Auf dem Schirm sahen sie aus der Vogelperspektive einen riesigen, feuerroten Dillingham Roadster über eine Serpentinenstraße jagen.
"Fangt den Kerl lebend," gab Strauch Anweisung. "Ich will wissen, wer seine Hintermänner sind." Noch während er sprach, geriet der Wagen ins Schleudern und brach aus. Der Fahrer schien die Gewalt über das Auto verloren zu haben. Er durchbrach die Leitplanken und stürzte in den Abgrund. Kurz darauf kündete ein Feuerball vom Schicksal des Flüchtenden.
"Mist, er muß etwas gemerkt haben, Sir. Vermutlich eine Selbstmordkapsel. Sorry, Sir, da war nichts zu machen." Resignierend zuckte Strauch die Schultern. "Das ist alles sehr unwahrscheinlich, Sir. Unser Abwehrsystem ist wirklich gut, Sir. Ich habe es selbst überprüft und halte es für kaum durchdringbar. Der Feind muß über etwas verfügen, was wir nicht analysieren können."
Henderson zuckte die Schultern und sah aus dem Fenster. (Es ist egal, was sie haben. Es hat nicht gereicht. Jetzt zahlen sich meine ganzen Investitionen aus. Ich habe mich gründlich abgesichert. Ihr werdet alle krepieren, wenn ICH es will!)
Strauch begab sich hinunter in die Computerzentrale und suchte nach Daten. Er fand keinerlei Hinweise auf unerklärliche Aktivitäten des Untergrunds. Doch das eigenartige Gefühl blieb.
"All the strenght and force of man comes from his faith in things unseen."
(J. F. Clarke)
Radiobeitrag von 'Radio Freedom':
Liebe Hörerinnen und Hörer zu Hause oder unterwegs. In den letzten Tagen und Wochen wird in den Medien über das angeblich lebensverlängernde Medikament 'Renaissance' und den 'Wundervirus' MBDV-23 viel Voreiliges berichtet. Bis heute hat noch kein Mediziner einen Menschen gesehen, der durch die Einnahme des Medikaments älter geworden wäre als ohne die Einnahme. Leider hat sich bisher noch kein Lehrer gemeldet, daß er seinen Schülern nichts mehr beibringen könnte, da diese intelligenter wären als er selbst.
Was ist nun wirklich dran an den Meldungen?
Ein amerikanischer Konzern hat in seinen Labors auf dem L5 Orbit ein Medikament entwickelt, von dem seine Schöpfer annehmen, daß es den Alterungsprozeß um 90% verlangsamt. Die Wissenschaftler haben bisher noch nichts über ihre Entdeckung veröffentlicht; mit gutem Grund, wie sie berichteten. Für sie steckt das Projekt noch in den Anfängen. Sie brauchen, nach eigenen Worten, noch mindestens 15 Jahre intensivster Forschung, bevor sie genug über das Medikament wissen, um an die Öffentlichkeit zu treten.
Es sind also Falschmeldungen verbreitet worden, durch die große Teile der Bevölkerung in Schrecken versetzt werden. Ähnlich verhält es sich mit dem 'Wundervirus'. Dr. Bleriot, der Schöpfer dieses künstlichen Lebewesens, sprach gestern vor der Presse von ersten, geglückten Tierversuchen¼
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In der Kantine auf der 'O'Neill' herrschte Hochbetrieb. Ein Großteil der Männer und Frauen der Freiwache hatten sich hier versammelt. Alle hatten den Rundfunkkommentar von der Erde gehört. Wizard saß mit einigen Technikern am Tisch.
"Oh Mann", stöhnte er, "der alte Traum von Leary und Wilson, daß kein Mensch mehr sterben muß. Und nun wird dieser Stoff nicht von SMILE-Agenten verteilt, sondern von geld- und machtgeilen Konzernbossen an altersschwache Milliardäre und Machtjunkies verhökert."
"Hey, Wizard, warum zauberst Du Dir nicht diesen Intelligenzvirus her, ißt ihn auf und findest dann eine Lösung für all unsere Probleme?" Der Rufer hatte die Lacher auf seiner Seite. Doch der Wizard ging darauf ein.
"Mach ich, ich brauche dazu einen Helfer, der 12 Wochen gefastet hat. Stellst Du Dich zur Verfügung?" Die Witzeleien hörten auf, und der Ton wurde wieder ernst. Immer deutlicher wurde der Entschluß der Kolonisten, die Labors der 'Cybernetics, Gentech und Psychedelics' zu übernehmen, notfalls sogar mit Waffengewalt.
An diesem Abend ging ein sehr nachdenklicher Wizard schlafen. (Ist dies die Art, wie Revolutionen entstehen? Wir sind nur eine Handvoll Leute hier und auf dem Mond. Ja, und wieviele sind es auf der Erde? Haben wir überhaupt eine Chance? Sind wir auf dem richtigen Weg?)
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"¼ o.k., Jungs, gehen wir noch mal alles in Ruhe durch." Unruhiges Scharren und verhaltenes Stöhnen folgte diesen Worten. MacIntosh, aufgrund seiner 'militanten' Vergangenheit zum Einsatzleiter eines Spezialkommandos bestimmt, blickte über die Gruppe junger Piloten, die jetzt unruhig und entnervt vor ihm saßen. Er konnte sie gut verstehen, hatte er doch zu seiner Zeit auch immer diese Wiederholungen der Einsatzbesprechungen verflucht. Doch er hatte auch gelernt, wie wichtig sie waren. Aus diesem Grund blieb er eisern und begann, zu wiederholen:
"Also, Conquistador 1, 2, und 3 starten als erste und fliegen den langen Weg. Die anderen, Conquistador 4, 5, und 6 starten 5 Minuten später und landen als erste. Jedes Schiff ist mit 5 Leuten besetzt. Ihr spielt die erwartete Ablösung. Plaudert munter über Funk mit den Leuten und lenkt sie dadurch, hoffentlich, ab. Ihr spielt Eure Rolle bis entweder die Besatzung der Station in Euren Schiffen ist, oder, solltet Ihr erkannt werden, schlagt Ihr sofort zu und bringt die Laborbesatzung dann hierher. Vergeßt nicht, das Hauptziel ist, die Produktion des Renaissance-Stoffes zu stoppen. Das heißt, wenn ihr, aus weichen Gründen auch immer, das Labor nicht besetzen könnt, dann ist es zu zerstören. Das wäre natürlich nur die zweitbeste Lösung. Anschließend laßt Ihr dann hoffentlich die anderen Schiffe landen und unterstützt die Experten so gut Ihr könnt. Noch Fragen?" Keiner der Anwesenden zeigte eine stärkere Reaktion, als daß er sein Kaugummi von einer Backe in die andere schob. MacIntosh sah sie an und war zufrieden. Es waren gute Jungs, und er war sicher, daß sie alles begriffen hatten und ihr Bestes geben würden.
"Also, dann, Hals und Beinbruch, Jungs, wir sehen uns auf der Erfolgsparty. Start in exakt 23 Minuten und 10 Sekunden. Jetzt!" Sein Arm sauste demonstrativ herunter, und die Piloten drückten auf die Auslöser ihrer Stoppuhren. Automatisch wurden die Wecker auf 'X' gestellt, und dann zerstreuten sich die einzelnen Teams.
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Es klappte alles wie im Lehrbuch. Die Wissenschaftler im Labor der 'Cybernetics' glaubten sich abgelöst und wurden erst in den Fähren über ihre Lage aufgeklärt. Keiner der Wissenschaftler wagte es, sich zur Wehr zu setzen.
Doch die jungen Angreifer waren keine Soldaten. Es waren Techniker, Piloten und Handwerker. Sie waren es gewohnt, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Der Anfangserfolg hatte sie leichtsinnig gemacht. Statt auf die Verstärkung zu warten, stampften sie wie eine Horde wilder Bullen in die Labors der Station, begierig, die Produktion des Lebensverlängerungsmittels schnell wieder in Gang zu bringen. Bevor sie ihren Leichtsinn bereuen konnten, waren drei von ihnen tot.
Hendersons Sicherheitsabteilung hatte gut gearbeitet. Die fünf in den Labors gebliebenen Agenten feuerten mit Handlasern auf die Eindringlinge. In dem Gefecht, das nun folgte, ging ein Großteil der Einrichtungen zu Bruch.
Dann kam die zweite Angriffswelle. Die Männer waren durch den Kampflärm gewarnt. Sie fielen Hendersons Agenten in den Rücken, und nach kurzer Zeit hatten die Spacer die Verteidiger niedergekämpft. Sie selbst hatten sieben Tote zu beklagen.
Es waren gereifte Männer, die zur 'O'Neill' zurückflogen. Keiner von ihnen war dem Tod jemals so nahe gewesen. Die Toten waren Kollegen, Freunde. Sie kannten sich alle, und der Schock über ihren Tod saß ihnen noch tief in den Knochen. Die siegreichen Heimkehrer trugen ihre Köpfe nicht stolz erhoben, sie waren bedrückte Männer. Sie bestanden darauf, ihre Kameraden im ersten Segment der 'O'Neill' zu begraben. In der Erde, für die sie gestorben waren.
Am nächsten Tag wurden die gefangenen Wissenschaftler der 'Cybernetics' zum Mond geschickt, weil man dort bessere Möglichkeiten hatte, sie festzusetzen und zu verhören.
Dort hatten die Rainbow-Leute ein paar Tage zuvor alle wichtigen Stationen in einem Handstreich besetzt. Es war nur zu vereinzelten Gefechten mit den Sicherheitsorganen der Konzerne gekommen. Doch da Rainbow alles sorgfältig geplant und vorbereitet hatte, blieb die Aktion letztendlich erfolgreich.
Als das gefangene Laborpersonal auf dem Mond eintraf, zeugten nur noch vereinzelt verbrannte Wandverkleidungen und Geschoßeinschläge an einigen Wänden von den gewalttätigen Ereignissen.
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Als Joan ein paar Tage später die überfüllte, zu einem Versammlungsraum umfunktionierte Kantine betrat, sah sie MacIntosh vorn am Rednerpult die Hand heben und um Ruhe und Aufmerksamkeit bitten.
"Wir haben jetzt die ersten Ergebnisse der Verhöre von Hendersons Personal vorliegen. Ich möchte Euch, meine Freunde, nicht länger auf die Folter spannen. Es stimmt, was wir gehört haben. 'Cybernetics' produzierte ein Unsterblichkeitsmittel auf L5 und hielt dies geheim. Seit Beendigung der Aufräumungsarbeiten kontrollieren wir nun die Produktionsanlagen.
Doch jetzt liegt die schwere Entscheidung, was mit dem Menschheitstraum geschehen soll, bei uns. Wir sind in der Lage, das Leben eines jeden Menschen im Universum zumindest erheblich zu verlängern!"
Die Anwesenden begannen sofort, alle durcheinander zu sprechen. MacIntoshs Appelle um Disziplin gingen im Lärm des Stimmengewirrs unter wie ein Stein im Wasser.
Joan beteiligte sich nicht an dem allgemeinen Chaos. Sie saß wie betäubt auf ihrem Stuhl. (Ist das die endgültige Öffnung der Dose der Pandora? Oder ist es der nächste logische Schritt in der Evolution der Menschheit? Ist dies wirklich "die Erfüllung von Learys Traum", wie der Wizard es nannte? Oder ist es die Erfüllung von Learys Irrtum? Es gibt immer zwei Möglichkeiten. Unsere Entscheidung ist unser Karma.)
Als sich die erste Aufregung gelegt hatte, fuhr MacIntosh fort: "Das ist noch nicht alles, was wir erfahren haben. Auch die Gerüchte über den intelligenzsteigernden Virus haben sich bestätigt. Wir haben ein Papier vorbereitet, in dem wir die wichtigsten Ergebnisse zusammengefaßt haben. Ich möchte, daß ihr Euch alles in Ruhe durchlest und darüber nachdenkt. In drei Stunden, nach dem Abendessen, treffen wir uns wieder hier und werden dann unsere nächsten Schritte besprechen. Wir werden eine Direktleitung zum Mond, wenn es klappt auch zur Erde, aufbauen. Doch jetzt beruhigt Euch und informiert Euch über die Fakten. Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit!"
Joan nahm die Informationsschrift entgegen, und ging nachdenklich in ihr Zimmer. (Schade, daß meine Computer die richtige Entscheidung nicht errechnen können. Doch wenn ich das bisherige Schicksal der Menschheit betrachte, müßte nach all den Jahrhunderten der Knechtschaft ja endlich mal eine kleine Belohnung kommen.)
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Joan war nach dem Essen gleich in der Kantine geblieben und hatte zusammen mit einigen Technikern die Monitore aufgebaut und die Laser-Direktleitung zum Mond hergestellt. In eines kurzen Gespräch zwischen Wilson, MacIntosh und der Abgesandten der Erde, Maria Camero, kamen sie überein, daß es zu riskant wäre, eine Verbindung zur Erde herzustellen. Alle Beteiligten stuften die Abhörgefahr in jedem Fall als zu hoch ein. Maria verwies auf ihre Generalvollmachten, die auch diese Situation abdeckten.
Die Diskussion wurde auf dem Mond über Monitore sowohl in Port Armstrong, wie auch am Katapult empfangen. Auf der 'O'Neill' waren, bis auf die Wachhabenden, alle Pioniere in der Kantine versammelt.
Maria Camero, Wizard und MacIntosh saßen gut sichtbar vor den Versammelten an einem Tisch. MacIntosh stand auf und sorgte mit einer Handbewegung für Ruhe.
"Liebe Freunde, wir sind hier zusammengekommen, um uns mit der Tatsache auseinanderzusetzen, daß wir etwas ungeheuer Wichtiges in unsere Hände bekommen haben. Das Labor der 'Cybernetics', in dem das Lebensverlängerungsmittel hergestellt wurde, ist weitgehend unversehrt in unserem Besitz. Die Produktion kann in Kürze wieder aufgenommen werden. Das dortige Personal haben wir auf dem Mond interniert. Die Frage, die sich uns stellt, ist die: 'Was soll mit dem Renaissance-Labor passieren?' Das ist vordringlich wichtig. In zweiter Linie geht es darum, mit welchen Gegenmaßnahmen wir zu rechnen haben?" Mac machte eine kurze Pause, um die Zeitverzögerung der Verbindung zum Mond zu überspielen.
Nach gut zwei Sekunden machte sich Wilson, der sich auf dem Mond befand und auf dem Farbbildschirm zu sehen war, mit einem Räuspern bemerkbar.
"In Bezug auf die zu erwartenden Gegenmaßnahmen habe ich eine wichtige Information. Wie Ihr ja wißt, werten wir hier sehr gründlich alle Nachrichten aus. Eine kleine Agentur hat vorgestern von einem Attentat auf Julian Henderson berichtet. Es wurde eine bewaffnete Drohne eingesetzt. Diese Nachricht wurde nicht weiterverbreitet; offenbar ist sie von Hendersons Leuten unterdrückt worden. Wir halten folgendes für sicher: Das Attentat ist fehlgeschlagen. Der Attentäter konnte sich einem Verhör durch Selbstmord entziehen. Wir wissen nicht, welche Gruppe für diese Aktion verantwortlich ist.
Es bleibt unter dem Strich die begründete Annahme, daß Hendersons Position schwieriger wird. Zu welchen Gegenmaßnahmen mag er denn noch fähig sein?"
An dieser Stelle fiel ihm die temperamentvolle Maria Camero ins Wort: "Nun bleib mal auf dem Teppich, mein lieber Wilson. Da war doch wohl der Wunsch der Vater des Gedanken. Durch Unterschätzung des Gegners können wir uns in eine unhaltbare Situation bringen, und außerdem ist das sowieso erstmal unwichtig. Es geht doch um das Unsterblichkeitsmittel. Auf der Erde, und für die spreche ich, gibt es zwei Positionen dazu: Renaissance für alle, und als Gegenposition Verbot des R-Stoffes gekoppelt mit einem Stop der Weltraumbesiedelung, da diese zu teuer ist."
Sie wurde durch ein Raunen der Empörung unterbrochen. So etwas hörten die Spacer gar nicht gerne.
Beschwichtigend hob MacIntosh die Hände.
"Ganz ruhig, Leute! Maria gibt hier nur die Positionen auf der Erde wider, nicht ihre eigene. Also, laßt uns unseren Standpunkt finden. Je besser die Argumente sind, um so größer ist die Chance, daß wir uns durchsetzen können. Ich bitte um Wortmeldungen."
Sofort erhob sich ein wildes Stimmengewirr. MacIntosh zuckte resigniert mit den Schultern und sah hilfesuchend auf den Bildschirm, der ihn mit dem Mond verband. Doch auch Wilson und Dankert kämpften um Disziplin.
Mit Mühe gelang es Maria und Joan, die Diskussion in den Griff zu bekommen. Sowohl auf dem Mond als auch auf der 'O'Neill' war man sich einig, daß die Politik der militärischen Konfrontation und des Profits um jeden Preis auf der Erde untolerierbar wäre.
Während der Debatte setzte sich überraschend deutlich bei den Spacern die SMILE-Position durch: Renaissance und MBDV für alle, Weltraumbesiedelung mit allen Mitteln forcieren, möglichst bald Unabhängigkeit von der Erde, Freiheit der Auswanderung ins All für jeden, der das wünschte.
Man kam daraufhin überein, die Produktion des Renaissance-Stoffes möglichst schnell wiederaufzunehmen, und es zu kostendeckenden Preisen an jeden zu verteilen, der dies wünschte. Ferner sollte versucht werden, über eine der Widerstandsgruppen auf der Erde eine vermehrungsfähige Probe des MBDV-Virus zu erbeuten.
Die Diskussion über eine wünschenswerte heimliche Bewaffnung der Kolonien blieb ohne greifbares Ergebnis; die Ressourcen waren zu knapp, schließlich kann man eine Waffenproduktion nicht über Nacht aufbauen.
ln die ausklingende Debatte platzte Wilson mit der Meldung, daß die Raumstation 'Circumterra' im niedrigen Orbit von Hendersons Männern übernommen wurde. Alle wußten, daß der mangelnde Nachschub des Unsterblichkeitsmittels nun kein Hebel mehr gegen Henderson war.
Joan blickte zum Wizard herüber. (Was sollen, können wir denn jetzt noch machen? Du wußtest doch bisher immer einen Ausweg.) Der Deutsche wirkte übernächtigt und müde. Doch Joan entging nicht das entschlossene Flackern in seinen Augen, als er aufstand und mit den anderen den Raum verließ.
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Der hagere Jon saß in einer Ecke der großzügig angelegten Zelle, als sich die Tür öffnete. Einer der verhaßten Spacer baute sich vor ihnen auf und hielt eine kurze Ansprache.
"Hört her, Leute. Ihr werdet noch Gesellschaft bekommen. Wir haben Gefangene gemacht. Es tut uns leid, daß wir Euch noch einige Zeit hierbehalten müssen. Wir werden uns bemühen, Euch den Aufenthalt hier so streßfrei wie möglich zu gestalten. Wenn alles vorbei ist, könnt Ihr hingehen, wo immer Ihr wollt. Bis dahin macht es Euch und uns so leicht wie möglich."
Jon wandte sich angewidert ab. Er verstand zwar nicht, schon lange nicht mehr, was hier vor sich ging, aber es kotzte ihn an.